21. Januar 2019

 

Braucht Kunst PR?

Wenn Sie sich ein Bild oder ein Gemälde, eine Skulptur oder Plastik anschauen, wonach entscheiden Sie, wie Sie es finden?

 

Wenn man sich ein Kunstobjekt anschaut, passiert etwas mit einem – zumindest wenn man nicht völlig debil ist und sich noch mit etwas anderem beschäftigt als die Posts vom Mittagessen und Modetrends auf Facebook & Co anzusehen. Die erste Reaktion ist in der Regel ein Einfaches: „Gefällt mir oder gefällt mir nicht“. Als zweites kommt die Frage nach den Gefühlen oder Empfindungen, die es bei einem auslöst. Und anschließend kann man sich dann noch damit auseinandersetzen, warum das so ist.

Nur ein Kunsthistoriker oder andere Fachleute – gern auch Selbsternannte, die schlau daher reden, um intellektuell zu wirken – bewerten Bilder noch nach anderen Gesichtspunkten. Zum Beispiel aufgrund ihrer kunstgeschichtlichen Kenntnisse oder ihrer Fähigkeiten als Maler oder Bildhauer. Da fallen dann Formulierungen wie „expressive Maltechnik“, „bildgestaltende Lichteffekte“ oder auch „historisch wertvoll für jene Epoche“.

 

„Die großen blauen Pferde“, 1911, Franz Marc / Bild: © gemeinfrei 
Schön oder nicht schön? Und warum? Oder wollen Sie vor Ihrer Entscheidung wissen, warum die Pferde blau sind und ob der Maler traumatische Lebenserfahrungen in seinen Gemälden verarbeitet?

 

Anders als der Maler Max Ernst (1891 - 1976), der behauptete „Kunst hat mit Geschmack nichts zu tun“, hat es meiner Meinung nach sehr wohl mit persönlichem Empfinden und somit mit Geschmack zu tun. Zusätzlich ist es dann noch im zeitlichen Kontext oder aufgrund der Fähigkeiten des Künstlers zu betrachten, aber eben zusätzlich und nicht nur. In erster Linie muß es einen doch irgendwie ansprechen. Denn was nützt die beste Maltechnik eines berühmten Künstlers, wenn das Bild am Ende den Betrachter nichtssagend zurückläßt? Hingegen wird das vermeintlich kritzelige Bild einer Fünfjährigen für die Eltern immer wunderschön sein und seinen festen Platz am Kühlschrank oder dem Schreibtisch finden.

 

 

„Gut verpackt, ist halb verkauft.“

 

Der Wert von Kunst ist nicht greifbar oder meßbar. „Ein Bild ist das Wert, was jemand bereit ist, dafür zu bezahlen“ habe ich neulich erst wieder irgendwo gehört. Vor allem bei moderner Kunst ist das der Fall. Sie ist häufig gegenstandslos, ohne Personen, Tiere oder zeitkritische Elemente, die dem Betrachter eine Botschaft übermitteln würden – so sieht es zunächst aus! Wenn man dann aber hört, was sich der Künstler dabei gedacht haben soll oder unter welchen Umständen dieses (vermeintlich) herausragende Werk entstanden sein soll, steht man häufig perplex davor und ist verwundert, was so alles in eine Leinwand mit Farbe hineininterpretiert werden kann.

Der Wert eines Kunstobjektes kann mit verschiedenen Hilfsmitteln gesteigert werden. Mittels Puplic Relations, kurz PR, wird die Werbetrommel für ein Objekt oder einen Künstler gerührt, um es interessant und der Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Ein gewiefter Kunsthändler, dessen Redetalent sich auf das Einlullen von pseudointellektuellen Kunstverstehern fokussiert, verkauft eine schnöde Tapete auf Holz gebabbt (zu deutsch: geklebt) als Kunstwerk mit Wertsteigerungspotential. Manche Leute wissen einfach nicht, wohin mit ihrem vielen Geld und da ist es schön, wenn man etwas kaufen kann was a) kein anderer besitzt und b) vermeintlich besoooonders wertvoll ist.

 

„1024 Farben“, 1973, Gerhard Richter

 

Es gibt aber auch Künstler, die ein gerade teuer ersteigertes Bild nach dem Verkauf bei Sotheby’s mit einer automatischen Vorrichtung zerschreddern und so den neuen Besitzer quasi seines Kunstobjektes und seines Geldes berauben. Absurderweise sind die Schnipsel des Bildes jetzt noch mehr wert als vorher. Diese künstlich herbeigeführte Wertsteigerung durch eine groteske Aktion braucht auch immer Menschen, die einen solchen Quatsch mitmachen – und die gibt es!

Der Graffitikünstler Banksy, dessen Bild von ihm selbst zerschreddert wurde, macht allein schon dadurch PR für sich, dass er sich nicht zu erkennen gibt. Niemand weiß, wer er ist – außer wahrscheinlich eine Kontaktperson zur Außenwelt, die Verschwiegenheitsklauseln bis unter die Dachbalken hat unterschreiben müssen. Ein wesentlicher Teil des Wertes seiner Werke sind seiner Geheimnistuerei zuzuschreiben.

Das Drumherum um die Kunst ist heute wichtiger denn je und überschattet eine unbefangene Betrachtungsweise. Etwas wird hochgelobt und bewundert, hängt oder steht in einem Museum und impliziert damit, dass es auch tatsächlich bewundernswert sein müsse. Der normaler Betrachter, ohne besondere Kenntnisse über Kunst, der sich traut etwas Negatives dazu über hochgelobte Kunst zu sagen, gilt sogleich als Banause und hat keine Ahnung.

Am besten kann ich das an dem Beispiel Joseph Beuys festmachen. Ich halte seine Kunstwerke für maßlos überschätzt. Sie entsprechen weder meinem ästhetischen Empfinden, noch finde ich es interessant, mir Filzgegenstände, mit Fett eingeschmierte Stühle oder alten Krimskrams aus dem zweiten Weltkrieg anzuschauen. Seine Werke (es fällt mir echt schwer, das so zu bezeichnen) sollen von seiner Kriegserfahrung inspiriert sein und seinem Trauma Ausdruck verleihen.

Bei einem Schulausflug vor gut 20 Jahren ins Darmstädter Landesmuseum (hier befindet sich der „Beuys Block“, eine Errungenschaft, die das Museum mit Stolz erfüllt) munkelte mir jemand was von einer Gefangenschaft in einem russischen Lager zu und das seine ersten Werke aus dem dortigen Schlamm entstanden seien. Später waren es Krimtataren, die angeblich seine Wunden nach einem Flugzeugabsturz mit Fett und Filz pflegten. Heute ist davon auszugehen, dass diese von ihm selbst gestreuten Erzählungen – die nie von auch nur einer anderen Person bestätigt werden konnten – nur erfunden waren, um seiner Kunst einen tieferen Sinn zu geben, um sie interessanter zu machen. Selbsterklärend sind seine Werke nämlich nicht. Sie beeindrucken auch nicht durch besondere Ästhetik oder handwerkliches Können, geschweige denn durch Schönheit.

Ist Kunst in solch einem Fall nicht maßlos überschätzt?

 

„La Gioconda“ (Mona Lisa), 1503 - 1506, Leonardo da Vinci / Bild: © gemeinfrei

 

Das wohl berühmteste und gleichzeitig wegen seines Motives umstrittenste Gemälde ist die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci (1452 - 1519). Die Welt rätselt um ihr geheimnisvolles Lächeln. Keiner weiß, was es zu bedeuten hat. Aber ist das nicht auch egal? In meinen Augen hat sie nur ein freundliches Gesicht. Zudem wird gerätselt, wer diese Frau überhaupt ist, oder ob es nicht vielleicht sogar ein junger Mann sei und Leonardo eventuell schwul war? Und um das zu verstuschen, malte er ihn als Frau.

Wahrscheinlich ist es einfach nur eine junge Frau, deren Bedeutung völlig sekundär ist und deren zartes Lächeln überhaupt gar keine besondere Bedeutung hat. Denn Bedeutung hatte damals für Leonardo ausschließlich das Malen von Gesichtszügen und Blicken schlichtweg. Er wollte in seinen Portraits den Gesichtsausdruck der Person wiedergeben, der das Spiegelbild der Seele ist. Für die damalige Zeit war das neu, den Portraitierten einen persönlichen Ausdruck zu geben.

Es gibt noch andere Bilder mit lächelnden Personen darauf und keiner macht sich da Gedanken drum oder interpretiert da wilde Geschichten rein. Der Mann auf dem Gemälde „Der lachende Kavalier“ von Frans Hals (um 1582 - 1666) lächelt auch, und zwar viel deutlicher als die gute Mona Lisa. Niemand rätselt hier, warum!

 

„The Laughing Cavalier“, 1624, Frans Hals / Bild: © gemeinfrei

 

Früher war Kunst eine Auftragsarbeit. Michelangelo malte im Auftrag der Kirche. Andere malten Portraits von Königen, Prinzen und Prinzessinnen. Diese Bilder dienten dem Nachlaß für die Geschichte und um sich potentiellen Ehepartner vorzustellen. In der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts wollten die Händler und Kaufleute sich als aufstrebende und stolze Gesellschaft zeigen. Ende des 19. Jahrhunderts ging es im Impressionismus um die Eindrücke und die Faszination des Augenblicks. Aber worum geht es in der heutigen Kunst?

Heute werden Kunstobjekte begleitet von den Kriegstraumata oder schockierenden Zerstörungsaktionen des Künstlers. Nicht selten ist die Kunst völlig willkürlich und ohne inhaltliche Bedeutung. Deswegen ist es in der Tat so, dass die Kunst heutzutage PR braucht, um sich verkaufen zu können und einen Wert zu erlangen. Denn aufgrund von diesen Werbemaßnahmen wird das ein oder andere langweilige Stück Leinwand oder Plastikklumpen zu einem teuren Kunstwerk. 

 

Ich denke schon, dass die heutige Kunst PR benötigt, weil sie sich aus sich selbst heraus häufig nicht erklärt oder sie durch Ästhetik oder Schönheit überzeugt. Mit diesem Hintergrundwissen, dass PR mich manipulieren will und teilweise auch veräppelt, kann ich ganz selbstbewußt Kunst kritisieren. Und wenn ich etwas schei... finde, dann sage ich das auch! Völlig egal ob irgendein Kunstversteher das Objekt lobhudelt.

 

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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