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13. Juni 2019

Ein Grauer Kubus für das Bauhaus

Zu Besuch in Weimar und seinen neuen Museen

Tag 1: „Bauhaus-Museum Weimar“

 

Fassade Eingangsseite des neuen Bauhaus-Museum Weimar / Bild: © Daniele Ludewig

 

Seit ein paar Jahren habe ich das Busreisen für mich entdeckt. Urlaube mit Führung, wo ich mich um nichts kümmern muß – toll! Ich senke meistens erheblich den Altersdurchschnitt, besonders auf den Museumsreisen. Für Kultur interessieren sich offenkundig überwiegend die ältere Generation und zudem deutlich mehr Frauen. Die anwesenden Männer sind meistens Mitgenommene.

Diesmal stand Weimar auf meinem Reiseplan. Das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum macht es einem auch fast unmöglich, sich nicht damit zu beschäftigen. Man wird ja in den Medien und Zeitungen damit zugeschüttet. Während meines Architekturstudiums wurde ich von Professoren unterrichtet, die alle dem Bauhausstil huldigten, indem sie uns im Wesentlichen die Formensprache dieses Stils lehrten. Kritik war tabu. Man kann durchaus sagen, dass ich ein Stiltrauma erlitt, weil mir regelrecht aufgezwungen wurde, etwas toll zu finden und nachzuahmen, was nicht meinem Stilempfinden entsprach. Aber jetzt bin ich 20 Jahre älter und keine kleine Studentin mehr, jetzt kann ich mich austoben mit meiner Kritik.

Aber wer etwas kritisieren will, sollte sich auch damit befassen, um nicht nur hohle Phrasen von sich geben zu können. In diesem Sinne also auf nach Weimar, zur Gründungsstätte des Bauhaus. Die Bauhaus-Kenner werden jetzt sagen: „Moment mal, da gehört Dessau aber dazu“. Denen kann ich zu meiner Verteidigung erwidern, daß die Busreise „Weimar plus Dessau“ leider mit einer anderen Reise zeitlich kollidierte. Sonst hätte ich mir auf jeden Fall die Doppelpackung gegeben – versteht sich!

 

„Das Ergebnis ist das Standardprodukt.“

Hannes Meyer, 1928 – 1930 Direktor des Bauhauses

 

Auf der Hinfahrt wurden wir Kulturinteressierten von der Reiseleitung mit den Grundlagen vertraut gemacht. Für mich ein kleiner gedanklicher Rückflug in meine Studienzeit: Da sah ich sie wieder vor mir, die Herren Professoren in der für Architekten typisch schwarzen Kleidung, wie sie dem Bauhausstil huldigten. Schnell bemerkte ich, daß einige Damen im Bus mehr als nur gut vorbereitet waren. An den Gesprächen konnte ich raushören – nein, ich habe nicht absichtlich gelauscht! –, daß da manche sehr tief im Thema drin sind.

Auf unserer Reise zurück in die Moderne standen zwei Museen im Programm. Als erstes natürlich das neue Bauhaus-Museum, daß Anfang April diesen Jahres neu eröffnet wurde und offenbar im Moment Weimars ganzer Stolz ist. Wie gesagt, ich lasse mich auf diesen Reisen gern führen und überraschen, und so wußte ich im Vorfeld nicht, wie die neue Pilgerstätte der Bauhaus-Anhänger aussieht. Hätte ich allerdings wetten müssen, dann wäre ich ziemlich nah dran gewesen. So wie sich der Bauhausstil kennzeichnet, genau so war auch dieses Museum: kantig, eckig und unnahbar. Ein großer grauer Betonkasten ohne Fenster, der zur Gänze meine Klischeeerwartungen bediente. Das Museum könnte auch als Ausstellungsgebäude für Kriegsbunker durchgehen. Mir ist unklar, was die ausführenden Architekten da im Sinn hatten. Als ich allerdings laß, daß es ein Berliner Büro war, wurde mir einiges klar.

„Vier Wände und ein Flachdach.

Außen: grau. Innen: Boden schwarz und Wände weiß.

Sind das jetzt die architektonischen Höchstleistungen, die wir dem Bauhaus verdanken?“

 

Ich befinde mich hier im Fadenkreuz der Lehrstruktur des Bauhauses / Bild: © Daniele Ludewig

 

Natürlich bekamen wir eine Führung durch die einzelnen Ausstellungsräume mit Erläuterungen zu den einzelnen Themenbereichen: Was war Grundlage der Bauhaus-Schule, wer hat unterrichtet und was, die Lehrmethoden mit ihrem Anspruch neu und noch nie dagewesen zu sein und auch die Lebenseinstellung der Studenten. Künstlerische Freigeister waren die „Bauhäusler“, die alle alten Konventionen ablegen wollten. Freie Liebe unter den Studierenden ohne lästigen Trauschein gehörte ebenso dazu wie ausgelassenes Feiern und das gemeinsame Nacktbaden. In den 1920-jahren war es undenkbar, daß Männer und Frauen ohne Ganzkörperbekleidung zusammen badeten. Pfui!

Die 1919 gegründete „Kunstschule Bauhaus“ gilt als die erste Schule, an der auch Frauen studieren durften. Bis heute wird sie dafür gefeiert und als besonders fortschrittlich in der Gleichberechtigung angeprießen. Vor allem wird von den politisch Linken immer wieder gern diese Fahne der revolutionären Gleichberechtigung geschwenkt, sollte eine irgendwie geartete Kritik am Bauhaus aufkommen. Aber auf meine themenfesten Damen war Verlaß. Als wir zu den Produkten kamen, die von Frauen während ihrer Bauhauszeit entworfen und hergestellt wurden, sah ich mich noch nach einer Tafel um, die das Thema bearbeitet, während eine Dame sich schon zu Wort meldete. „Die Frauen wurden ja in die Weberei abgeschoben. In der Werkstatt oder beim Entwerfen für die geplanten Hausbauten wollte man sie ja nicht haben“, war ihr Einwand, den die Führerin allerdings nur nickend bejahte und dann aber ohne darauf einzugehen nüchtern mit ihrem Text fortfuhr. Und so hatten wir alle die Nachttischlampe zu bewundern, die eigentlich entsprechend dem Bauhauskonzept für „jedermann“ sein sollte, nun aber als Designerstück 420 € kostet.

 

Damals die neue Form des Sitzens, die für jedermann erschwinglich sein sollte. Heute Designstücke. / Bild: © Daniele Ludewig

 

Generell, und das ist auch schon mein nächster Kritikpunkt, findet in diesem Museum keine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit diesem tatsächlich vorhandenen Sexismus statt. Bis heute wird das lieber unterschlagen. Man ließ die Frauen zwar studieren, aber sie waren bei weitem nicht gleichberechtigt. Und als es zu viele Studentinnen wurden, beschränkte Walter Gropius (Mitbegründer und Leiter der Schule) die Zulassung für weibliche Bewerber. Während meiner gesamten Studienzeit viel dazu kein Wort. Wie auch, die Professoren waren damals zu 95% männlich.

Gezeigt wird im Bauhaus-Museum Weimar allerdings die Kritik und Abneigung der damaligen Gesellschaft, der das Bauhaus ausgesetzt war. Sie konnte mit diesen „Neuerungen“ nichts anfangen und empfand sie als „wider der Natur“ und den Sitten. Anhand von Zeitungsüberschriften und kurzen Auszügen aus dem öffentlichen Meinungsbild wird der gesellschaftliche Gegenwind thematisiert. Eine konstruktive Auseinandersetzung am Bauhaus aus heutiger Sicht bleibt aus. Schade, denn da hatte ich mir von einem Museum, das Bildungsstätte ist, mehr erhofft.

 

FAZIT

Alles in allem ein schönes neues Museum, das eine gute thematische Aufteilung hat. Sowohl als Laie als auch als Kenner bekommt man einen guten Überblick über die Arbeit und das Wirken an der Bauhaus-Schule, sowie die unzähligen Produkte, die daraus entstanden, von denen einige heute sehr teure Designerstücke sind. Ich find’s toll was Weimar sich da geleistet und zusammengetragen hat.

Wer sich allerdings eine intensivere und kritischere Auseinandersetzung mit den teilweise eben nicht neuen Lehrstoffen (es wird auf Leonardos „Der Mensch als Maß“ und „Goethes Farbenlehre“ zurückgegriffen) oder dem unterschwelligen Sexismus erhofft, wird hier enttäuscht. Das Museum dient eher als Präsentationsfläche für das Bauhausdesign und die (vermeintlich) revolutionären Arbeitsweisen.

Architektur und Innengestaltung des Museumsbaus hat mir persönlich nicht so gut gefallen. Von außen ein monströser grauer Kasten und innen sehr dunkel, mit piksigem Rauputz an den Wänden, an den man besser nicht mit seinem Feinstrickpulli dran kommt. Das Treppengeländer faßt man auch nicht gerne an, weil es kantig ist und nicht gut in der Hand liegt.

 

Wir Damen waren uns einig, daß das Museum zwei Dinge ausstrahlt: „Faß mich nicht an!“ und „übe keine Kritik am Bauhaus!“.

 

Daniele Ludewig

 

 

Im Clinch mit den Kisten

Auf meinem Ausflug nach Weimar, in die Geburtsstätte des Bauhaus und neuer Pilgerstätte für dessen Anhänger, konnte ich nochmal meine Meinung zu diesem Stil überprüfen. In meinen beiden Berichten zum "Grauen Kubus für das Bauhaus" und "Lernen, Lesen, Probesitzen" wird klar, meine Einstellung dazu steht auf einem guten Fundament.

Jede weiße Standardkiste, die dieser Baustil hervorbringt, ist Ausdruck einer 100-jahre alten Moderne (schon ein Widerspruch in sich), die jetzt mal gründlich überdacht werden sollte von den Architekten und Baubehörden, die unseren Wohn- und Lebensraum gestalten. Denn wenn ich das Internet durchforste, stoße ich auch endlich mal auf kritische Auseinandersetzungen mit dem, wofür das Bauhaus eben auch stand: Standardisierung, Vereinheitlichung des Menschen und Nüchternheit. Nachtigall des Kommunismus, ick hör dir trapsen!

Weiße, scharfkantige Kisten, mit großen nackten Wandflächen und teils deplatzierter Fensteranordnung, ähnelt das doch eher einem Bunker. Man schau sich nur die Plattenbauten an, die nach dem Krieg, vor allem in Ostdeutschland entstanden, die jedweder Ästhetik und Schönheit entbehren. Das ist Massenuterbringung und nicht Wohnkultur.

Daniele Ludewig

INSPIRATION & MOTIVATION


In der Art wie wir leben, wie wir wohnen, und wie wir uns kleiden, aber auch im Umgang mit anderen Menschen wird unsere subjektive Wahrnehmung beansprucht oder auch beeinflußt. Positiv wie negativ. Das Wort Ästhetik drückt dieses subjektive Empfinden über Schönheit und Harmonie am besten aus und führt zur Auseinandersetzung damit.

Ist nur Symmetrie harmonisch?
Oder entsteht Harmonie auch durch Vielfalt?
Und ist Vielfalt immer schön?
Jeder entscheidet das für sich selbst.

Belle Sophie möchte Gedanken zu diesem vielseitigen Thema, das sich durch alle Lebensbereiche zieht, mit anderen teilen, und keine absolute Meinung vermitteln. Hier soll zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung, und manchmal zum Schmunzeln, angeregt werden. Bestenfalls ist sie ein Wegweiser für eine Gesellschaft, die vielleicht ein bisschen vergessen hat, auf sich selbst und den Umgang mit anderen Menschen zu achten!

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


Kontakt

Daniele Ludewig
Helena von Rehberg
contact@bellesophie.com
Postadresse auf Anfrage.


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