12. August 2019

Allein zur Schule!?

Eine vergessene Begabung

 

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Die großen Sommerferien in den Bundesländern gehen nach und nach zu Ende und dann werden wir es wieder sehen: Große Autos, die kleine Kinder zur Schule fahren. Heutzutage scheint etwas nicht mehr zu funktionieren, was früher eine Selbstverständlichkeit war: Alleine zur Schule zu gehen.

Generationen von Kindern sind zur Schule „gelaufen“ und zwar auf ihren eigenen Füßen. Heute werden sie von Mama mit dem SUV bis vor die Schule gefahren. Und wenn die Mamas könnten, bin ich mir sicher, würden sie ihren Nachwuchs wahrscheinlich noch bis ins Klassenzimmer bringen und behutsam auf den Stuhl setzen.

Man kann sich kaum noch vorstellen, daß Vorgenerationen von fußläufigen Kindern ihren Schulweg ganz ohne Auto und familiären Chauffeur zustande bekommen haben; zudem auch noch „ohne“ Handy. Und doch kamen diese Fußläufer ohne digitale Hilfsgeräte an. Unfassbar! Heute muss man sich ja fragen, wie das bloß jemals möglich war.

Das war möglich, indem man Kindern etwas mehr zutraute als nur zu atmen, zu essen und zu schlafen. Es wurde ihnen etwas abverlangt, beispielsweise sich den Weg zur Schule zu merken. Sich etwas einprägen zu müssen, scheint heutzutage für Kinder entweder unmöglich geworden zu sein oder von den Eltern nicht mehr erwartet zu werden. Man traut den Kleinen zwar den Umgang mit digitalen Geräten zu, aber selbständiges Laufen von A nach B scheint zu viel verlangt. Und da stell ich mir doch die Frage: Macht diese Gesellschaft mit ihrer Überfürsorglichkeit Kinder dumm, weil sie ihnen zu viel abnimmt oder sind sie dümmer, im Sinne von unselbständiger, und deswegen wird es ihnen abgenommen?

 

Wir waren cool. Wir waren aufgeweckt.

Wir waren selbständiger.

 

Zu meiner Grundschulzeit, in den 1980iger Jahren, lief das mit dem zur Schule gehen wie folgt: Klein-Dany lief von zu Hause los, alleine! Am ersten Fußgängerüberweg traf sie Klein-Anna, die ebenfalls alleine von zu Hause losgelaufen war. Auf halber Strecke des Schulweges treffen die beiden Mädchen an der Straßenbahnhaltestelle Thorsten und Sandra, die, – Achtung! – alleine Straßenbahn gefahren sind. Also „ohne“ elterlichen Beistand. Alle Vier kommen sicher in der Schule an. Jahr für Jahr. Unglaublich, oder?!

 

 

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Ein Teil der Kinder kam damals zu Fuß. Ein anderer Teil kam aus einer Kombination aus Straßenbahn und zu Fuß. Und der dritte Teil kam mit dem Schulbus direkt zur Schule. An Mütter oder Väter mit dicken SUVs oder irgendeinem anderen Auto kann ich mich nicht erinnern. Das hat es einfach nicht gegeben, das war unüblich.

Man packte zu Hause sein Pausenbrot ein, nahm seinen Schulranzen und los ging’s. Schulkantine? Gab es nicht. Diskussionen über vegetarisches oder womöglich veganes Essen? Nix da. In den Schulpausen wurde auf dem Hof gespielt und rumgetobt. Stummes Herumstehen und auf ein Gerät glotzen und sich somit isolieren, das machten nur traurige oder verhaltensauffällige Kinder. Wir haben sie wegrationalisiert diese klugen, aufgeweckten und gesunden Kinder, indem wir alles steuern wollen, helikoptermäßig um sie herumschwirren und ihnen alles abnehmen. Der Nachwuchs wird in Watte gepackt, darf trotz schlechter Leistungen keine schlechten Noten mehr bekommen und muß sich auch nicht mehr an Regeln halten. 

Als ich mal einem Teenager Nachhilfeunterricht in Mathematik gab, nahm ich vorher eine Stunde am Unterricht teil, um den Stoff zu erfahren und anschließend mit der Lehrerin zu sprechen. Als die Lehrerin ins Klassenzimmer kam, bemerkte ich das kaum, denn der Lärmpegel nahm nur unmerklich ab. Das änderte sich auch während der gesamten Stunde über nicht. Anschließend konnte ich mir eine Bemerkung der Lehrerin gegenüber nicht verkneifen und fragte, ob die Schüler denn immer so „unruhig“ seien. Während sie mir antwortete, daß die Schüler halt lebhaft seien, dachte ich mir nur: “Du hast die Klasse nicht im Griff.“

 

Neue Schule = mehr Autos!

 

Bei mir im Stadtviertel soll eine Schule ausgebaut und anders genutzt werden. Aus einer reinen Abendschule soll eine normale Schule werden. Das bedeutet mehr Kinder aller Altersgruppen und das bis nachmittags. Das Argument von einigen Anwohnern, daß „die dann alle mit den Autos kommen, um ihre Kinder zu bringen, und daß das ein höheres Verkehrsaufkommen verursache“, war deren erste und einzige Sorge. Denn allen diesen überwiegend im Rentenalter betroffenen Anwohnern war genauso wie mir klar, daß die zukünftigen Schulkinder nicht alleine und fußläufig in die Schule gehen werden. Nein, die behüteten Sedric-Pascals und Vanessa-Amelies dieser Welt müssen „gefahren“ werden. Aber wer schon nur mit veganer Nahrung groß gezogen und permanent von Mami und Papi übers Handy erreichbar sein muß, der ist vielleicht einfach zu schwach für derartige Abenteuer.

Bei einem neuen Schulgebäude in Grünwald (quasi das Beverly Hills von München) wurde extra eine breite Vorfahrt gebaut, damit die Sprösslinge der Fußballspieler des FC Bayern und der Manager großer Konzerne in SUVs bis vor die Tür gebracht werden können. Offensichtlich ist der Schulweg heute soooo viel schwieriger als früher. Und mit früher sind maximal 15 bis 20 Jahre gemeint.

 

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Erstaunlicher Weise nehmen die Fähigkeiten und die Selbständigkeit der Kinder zunehmend ab. Skurril dabei ist, daß deren Selbstwertgefühl dagegen steigt. Die heutigen Kinder sind im Gegensatz zu früher viel häufiger frech, ungezogen und vor allem im Teenageralter kritikunfähig. Sobald etwas schwierig wird oder Eigenverantwortung erfordert, sind die jungen Menschen überfordert. Vielleicht sollte man dem Nachwuchs nicht so viel Puderzucker in den Popo blasen, sondern wieder mehr so etwas wie „Erziehung“ praktizieren. Und das hat überhaupt gar nichts mit übersteigerter Strenge, vielem Schimpfen oder diktatorischer Autorität zu tun, sondern mit Liebe. Wer sein Kind liebt, hilft ihm dabei ein lebensfähiger und kluger Erwachsener zu werden.

Neulich sagte jemand zu mir, daß ich eine schlechte Meinung von unseren Kindern und Jugendlichen hätte. „Nein“, sagte ich, „ich bin nur desillusioniert, denn diese Generation an Kindern wird meine Rente wahrscheinlich nicht bezahlen.“

 

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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