23. August 2020

Der Ruf der Stadt

Sexy und weltoffen oder historisch und ehrlich?

von Daniele Ludewig

 

Wer diese Frauen sieht, denkt unweigerlich an New York. // Bild: © Everett Collection / shutterstock

 

Kennen Sie den „Ruf“ Ihrer Stadt? Wissen Sie, womit versucht wird, ihre Stadt attraktiv zu machen, um Menschen anzuziehen? In Köln ist es der Kölner Dom und der Karneval. In Hamburg sind es Wasser, Hafen und Segelboote. In München die Brezeln, die Trachten und die Wiesn. Und was auch immer zieht, ist das Vorhandensein eines UNESCO-Welterbes. Städte über die eigenen Grenzen hinaus zu präsentieren, ist nicht neu, erreicht aber mittlerweile einen überdimensionierten Status. Das Zauberwort ist Städteranking: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Im August 2007 befasste sich Der Spiegel mit diesem Thema, und fragte, was Städte sexy machen würde. Sexy sollte hier der Überbegriff für lebenswert sein. Ich persönlich bringe Sex und Stadt erst seit der Serie „Sex and the City“ in einen direkten Zusammenhang. Allerdings haben die Frauen hier Sex „in“ der Stadt und es ist nicht die Stadt selbst, die sexy ist. Seit dieser Serie denkt aber vor allem die weibliche Bevölkerung an New York, wenn sie diese beiden Wörter zusammen hört, aber mit Sicherheit nicht an Berlin, Hamburg oder München. Den selbstkreierten Werbespruch von Klaus Wowereit, „Berlin ist arm, aber sexy“, fand ich damals schon blöd. Berlin ist chaotisch, verbaut, unstrukturiert und an manchen Ecken auch schmuddelig – sexy ist es nicht und nie gewesen.

Trotz der vielen Versuche der Medien unsere Hauptstadt als Welt- und Kulturstadt mit großem Potenzial zu etablieren, wo angeblich alle hinwollen, hat sie es bis heute nicht geschafft, sich von diesem Klischee zu lösen. Zudem hat sie den Ruf, daß die Polizei die wuchernde Kriminalität nicht in den Griff bekommt. Ich selbst benötigte dort auch einmal die Polizei, weil ich bestohlen wurde. Bei meinem Anruf bei der Polizei bekam ich zu hören: „Es ist gerade kein Beamter oder Einsatzwagen verfügbar, den wir Ihnen schicken können.“

 

Berlin will sich in erster Linie als hip und kultig darstellen. Feiernde Menschen und Bars prägen häufig die Imagekampagnen; aber irgendwo ist auch immer ein Baukran in der niemals fertig werdenden Stadt zu sehen. // Bild: © shutterstock

 

Städte haben einen Ruf, der ihnen vorauseilt. Dieser setzt sich zusammen aus der Geschichte der jeweiligen Stadt, Mundpropaganda und neuerdings aus einem aufgesetzten Image. Stadtverwaltungen geben teils sehr viel Steuergelder für die Bewerbung ihrer Stadt aus. Manche haben sogar eigene Abteilungen, die sich mit nichts anderem beschäftigen als der inszenierten Außenwirkung ihrer Stadt. Es ist nur die Frage, ob die über Jahrhunderte gewachsene Tradition und das von Werbeagenturen kreierte Stadtbild in Einklang sind. Die Agenturen entwerfen ein Image für die Stadt, um sie über ihre Grenzen hinaus attraktiv oder interessant zu machen. Das ist in zweierlei Hinsicht fragwürdig: Paßt das künstlich übergestülpte Image überhaupt zu der Stadt und können sich die Einwohner damit identifizieren? Allerdings fragt sowieso niemand danach, ob den Einwohnern gefällt, wie ihre Stadt dargestellt wird.

 

Die aktuelle Werbekampagne von München: Offensichtlich reichen drei Bildchen für eine positive Assoziation.
Foto: Referat für Arbeit und Wirtschaft, LHM; Quelle: https://www.muenchen.de/aktuell/2015-03/neues-erscheinungsbild-muenchen-tourismus.html

 

Persönlich habe ich mich noch nie gefragt, welches Image eine Stadt hat und ob ich sie sexy finde. Menschen können sexy sein, auch arme Menschen. Aber Städte? Es gibt Städte, die finde ich schön, wie beispielsweise Dresden und Weimar, oder entspannend, wie München. Rom ist geschichtsaufgeladen und Venedig ist wie eine Reise in eine vergangene Welt. Hier sieht doch jede Frau Casanova um die Ecke huschen oder denkt mal kurz darüber nach, wie es wäre, von dem berühmtesten Liebhaber der Geschichte verführt zu werden. In New York haben unterdes vier Frauen gefühlt mit fast allen Männern der Stadt Sex in allen Varianten, und in Berlin finden sich alle nur selber hip und cool.

Mit Werbekampagnen betreiben Städte schlichtweg Akquise. Sie buhlen um Menschen, um Einwohner und Besucher, aber auch um Investoren und die Ansiedlung von Gewerbetreibenden. Es ist aber vor allem der Tourismus, der mittlerweile einen wahnsinnig hohen Stellenwert hat, weil er Geld in die Städte bringt. Viel Geld! Kneipen leben davon, Bars, Hotels und diese Heuschreckenplage Airbnb. Städte wie Amsterdam, Venedig oder auch Barcelona haben mittlerweile ein Riesenproblem mit diesem Massentourismus. Er zerstört die Stadt und die Lebensqualität der alteingesessenen Bewohner, die morgens einfach nur zur Arbeit gehen wollen und sich aber spießroutenmäßig durch Menschenmassen drängeln müssen.

 

Massentourismus in Venedig. Wer will schon solche Massen, wenn er morgens aus der Tür tritt?! // Bild: © Alexander Reitter / shutterstock

 

Zu viele fremde Menschen wuseln durch die Stadt und quetschen sich wie eine Wurst durch die engen historischen Gassen. Zwischendurch schieben sie sich irgendwelches Billigfutter aus einem Franchising-Imbiss rein, machen vor jeder Sehenswürdigkeit ein Selfie mit Grinsegesicht und hauen wieder ab. Flanieren, etwas in den kleinen Traditionsgeschäften kaufen (nicht im Souvenirladen mit dem Billigramsch aus China!), sich entspannt etwas angucken und die Atmosphäre einer Stadt auf sich wirken lassen, das macht doch keiner von diesen Reisekonsumenten. Und zum Schlafen gehen sie zurück auf ihre schwimmende Konservenbüchse (diese überdimensionierten Kreuzfahrtschiff gehören abgeschafft!) oder in ein Airbnb-Appartement, das wesentlich zur katastrophalen Wohnungsmarktsituation in den Städten beträgt (gehört auch verboten!). 

Fragt sich überhaupt noch jemand, was das Besondere an einer Stadt ist? Was ihr Charakter ist und ihre Geschichte? Den Städten geht es nur noch darum, wie man Menschen aller Art anlockt, und den Touris geht es nur ums schnelle Bild und das Ich-war-da-Selfie. Also lockt man sie an mit Denkmalen oder hippen Szenekneipen. Die Arbeitskräfte mit Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten. Die Industrie mit günstiger Gewerbesteuer und guter Infrastruktur. Vor lauter Bemühungen der Stadtverwaltung um die Ware Mensch wird das ortstypische der Stadt immer weiter verdrängt, und die dort lebenden Menschen ihrer Lebensqualität und ihres Zugehörigkeitsgefühls beraubt.

 

Quelle: https://www.sueddeutsche.de/reise/amsterdam-tourismus-staedtereisen-1.4240602

 

Eine Stadt ist ein Gesamtkunstwerk mit Geschichte, die über Jahrhunderte hinweg gewachsen ist und immer wieder Veränderungen unterworfen war. Wäre es nicht wichtiger, in dieser globalisierten Welt das Lokale und Kulturelle wirken zu lassen und beizubehalten? Stattdessen deklassieren viele Städte sich selbst zu Disneyland, indem es ihnen nur um Besucher und den Zuzug von Menschen geht, nicht aber um die Qualität ihrer Stadt. Es wird zwar mit den historischen Bauten und den „besonderen Kulturereignissen“ einer Stadt geworben, aber werden sie auch tatsächlich wertgeschätzt? Ihre Bedeutung wird für Werbezwecke mißbraucht und nutzt sich ab. Wie ein schönes Designerkleid, das seine Besonderheit verliert, wenn es auch zum Putzen getragen wird.

Der Versuch von Städten, sich in der Welt als attraktiven Anziehungspunkt zu präsentieren zerstört deren Individualität. Sich mit anderen Städten der Welt zu messen und in einen Wettkampf zu gehen, verleitet dazu, sich zu sehr mit den Augen anderer zu sehen und das Eigene zu vernachlässigen. Als Gegenbewegung zu immer mehr Globalisierung und Gleichmachung reagieren manche Städte – oft nur durch Bürgerinitiativen erzwungen – mit der Wiederbelebung lokaler Kultur. Am besten geht das natürlich mit Bauwerken. Der Wiederaufbau der Frankfurter Innenstadt ist so ein Beispiel. Teils alte Gebäude rekonstruiert aufgebaut, teils neu gestaltete dazwischen gesetzt, ist sie mindestens so beliebt wie umstritten. Die wiederhergestellte Frankfurter Altstadt ist ein Zeichen dafür, daß viele Menschen nicht mit dem Einheitsbrei der Globalisierung einverstanden sind. Im Sumpf der Massen aus aller Welt braucht es eben etwas Vertrautes, um sich nicht verloren zu fühlen.

 

Die neu erbaute Frankfurter Altstadt. // Bild: © Uskarp / shutterstock

 

Den Städten wird ein Etikett zum Zwecke eines kapitalistischen Aktes verpaßt. Die Mathilden Höhe in Darmstadt ist aktuell ein schönes Beispiel dafür. Plötzlich werden Gelder frei gemacht, um das Jugendstilensemble aufzuhübschen. Die Straßen in Darmstadt haben unterdes immer noch kraterähnliche Schlaglöcher. Aber ich will mich nicht beschweren, ich finde es ja schön, wenn wir unsere Steuergelder für historische Bauten ausgeben. Das Geld wird deswegen gerade locker gemacht, weil ein Antrag auf Anerkennung zum UNSECO- Welterbe für die Mathilden Höhe läuft. In den dort stehenden Villen wohnen aber noch ganz normale Familien, die jetzt schon teilweise von dem Menschenauflauf genervt sind, der dort manchmal herrscht. Sie sind eher weniger daran interessiert, daß noch mehr Touristen sich vor ihrer Haustüre rumdrücken und von sich dümmliche Grinsefotos machen.

 

Darmstadt: Hoffentlich erleidet die Mathildenhöhe nicht dasselbe Schicksal wie Amsterdam oder Barcelona: Zu viele Menschen, die die Atmosphäre der Kultur zerstören. // Bild: © shutterstock

 

Allerdings ist es nicht neu, daß auf den Ruf einer Stadt über deren Grenzen hinaus geachtet wird. Bereits in früheren Jahrhunderten war es den Fürsten wichtig, hochkarätige Gäste an ihre Residenzen zu locken, damit diese wiederum in Briefen und Reiseberichten sich lobend an anderen Höfen dazu äußerten. Mit kunstvoll angelegten Gärten und Orangerien, besonders wertvollen oder umfangreichen Kunstsammlungen sollten Gäste angezogen und beeindruckt werden. Waren sie dann da, wurden sie mit aristokratischen Vergnügungen – den sogenannten Divertissements – wie Spielen, Gesangsabenden oder Theateraufführungen unterhalten.

Besonders wichtig war dies für Städte, die nicht auf den üblichen Reiserouten lagen, wie beispielsweise das kleine Weimar. Es lag abseits der Verbindungsstraßen Frankfurt – Erfurt – Leipzig – Dresden. Auch Herzogin Anna Amalia versuchte mit schönen Gärten und wertvoller Kunst Besucher für ihre Residenzstadt Weimar zu interessieren. Zudem konnte sie mit herausragenden Persönlichkeiten wie Goethe und Schiller aufwarten.

Allerdings haben (zu) viele Besucher oder fremde Menschen in einer Stadt auch immer Einfluß auf das Stadtbild. Dies fiel auch der Herzogin irgendwann auf. In einem Brief an ihren Freund Christoph von Benckendorf äußerte sie sich 1798 über die Veränderungen in Weimar, die durch die Kriege, Militär und Besatzungsmächte auftraten:

„Genießen wir die Vergangenheit,... . Wenn Sie jemals auf die Idee kommen sollten, uns hier zu besuchen, fänden Sie ziemlich viele Veränderungen vor; alle Arten von Nationen umgeben uns, Franzosen, Engländer, ... aber ich würde nicht sagen, daß die Gesellschaft davon gewonnen hätte.“ (1)

 Vielleicht sollte der Ruf der Stadt nicht ganz so laut in die Welt schallen. Wo soll denn die Gier nach immer mehr Menschen und finanziellen Einnahmen hinführen? Es ist genug.

 

 

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“

 - Epikur von Samos -

 

 

 

Zitatquelle:
(1) Berger, Leonie u. Joachim (2006): Anna Amalia von Weimar. München: Verlag C.H.
Beck oHG
 
Literaturquelle:
- Löw, Martina (2018, 3. Auflage): Soziologie der Städte. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag
- Kirchner, Thomas (10.12.2018): Amsterdam nimmt den Selfie-Touristen ihr Lieblingsmotiv.
Online: sueddeutschezeitung.de
- Helmes, Irene (17.03.2016): Ersticken Touristen die schönsten Städte?.
Online: sueddeutschezeitung.de

 

 

 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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