30. Mai 2020

Im Irrgarten von Kunst und Selbstdarstellung

von Daniele Ludewig 

 

Bei der Vielzahl von Möglichkeiten, sowohl an Formen als auch an Ausdruck und Bedeutung eines Bauwerkes, verirrt sich so mancher Architekt oder Stadtplaner im persönlichen Selbstdarstellungsdrang.

 

Bei der Vielzahl an Möglichkeiten beim Bauen verliert man sich schon einmal im eigenen Ego. / Bild: © shutterstock

 

Rückblickend betrachte ich mein Architekturstudium noch kritischer, als ich es damals bereits ansatzweise getan habe. Die Ausbildung war nicht stilbildend im Sinne einer breitgefächerten Diskussion über verschiedene Ansätze, sondern ich empfand es eher als dogmatisch und einseitig. Wir Studenten wurden dazu erzogen, mit unseren Entwürfen der „modernen“ Architektur zu entsprechen. Geradlinige Boxen, organische Freiformen oder sich durchdringende geometrische Körper waren angesagt. Kunstgeschichte wurde zwar als Grundlage für ein breites Wissen unterrichtet, aber das Aufgreifen alter Stilmerkmale in Entwürfen – wie durchlaufende Gesimse oder symmetrische Fassadengestaltungen – galten als verpönt.

Pluspunkte beim Entwerfen gab es immer für nüchternen Funktionalismus oder ausgefallen skulpturale Formen. Wer sich negativ über diese Art der Architekturgestaltung ausgesprochen hat, galt als „Nestbeschmutzer“. Die Vertreter der Moderne wie Le Corbusier, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe galten als bedeutende Architekten und unantastbar. So die Suggestion. Das war vor gut 20 Jahren. Leider muß ich feststellen, daß das zum Teil heute immer noch so ist. 

Der Mensch gestaltet mit Architektur seinen Lebensraum selbst. Hochhäuser, Flachbauten, kleine und große Wohnhäuser in allen möglichen Formen. Die Vielfalt auf Grund technischer und finanzieller Möglichkeiten ist dabei nahezu unbegrenzt. Leider führt das auch zu Größenwahn und Fehlbauten, denn mit Architektur soll auch sehr oft ein ideologisches Wertesystem dargestellt werden, das nicht immer passend ist.

 

Manche nehmen das mit dem Wort „Kunst“ in dem Begriff „Baukunst“ wörtlich: ausgefallen, skulptural, organisch. Wie eine ausgequetschte Zahnpastatube kommt das Heydar Aliyev Center der Stararchitektin Zaha Hadid daher. (Baku, Aserbaidschan, 2012) / Bild: © Elnur/shutterstock

 

 

 Ein Kunstwerk genügt sich selbst

Eine Menschengruppe steht um ein neues Gebäude von einem Stararchitekten herum und diskutiert darüber, was das sein soll. Mitten in der Stadt stehend hat es keinerlei Bezug zu den umliegenden Gebäuden. Seine Größe und extravagante Form empfinden alle als unpassend und fragwürdig.

Beleidigt beschwerte sich das Gebäude: „Ich bin ein Kunstwerk!“

 

Architektur unterliegt drei wesentlichen Einflüssen, man könnte es auch Probleme nennen. Erstens: Der Architekt versteht sich als Künstler, der sich mit seinem Gebäude gestalterisch ausdrücken will. Daß er auch ein Dienstleister an der Bevölkerung oder dem Bauherren ist, vergißt der ein oder andere gern einmal. Zweitens: Die Entscheider, sprich die Stadtplaner oder Abgeordneten, sind leider nicht frei von Selbstdarstellungstendenzen. Mit spektakulären Einzelbauten wollen sie „ihrer Stadt“ ein überregionales Gesicht geben und sich verewigen. Drittens: Architektur unterliegt der subjektiven Wahrnehmung jedes einzelnen Betrachters und ist geschmacksabhängig. Somit steht Architektur immer im Spannungsfeld zwischen Kunstwerk und Zweckerfüllung.

Im Gegensatz zu einem reinen Kunstwerk, wie Gemälde oder Skulptur, hat Architektur aber immer auch einen „Gebrauchswert“ zu erfüllen. Nur schön oder spektakulär zu sein, ist nicht ausreichend für ein Bauwerk. Zudem sollte es sich selbst erklärend sein und keiner aufwendigen Interpretation des Entwerfers bedürfen. Besonders in der Stadtbebauung darf ein Gebäude mit seiner Gestaltung nicht sich selbst genügen, denn dann erfüllt es nicht mehr den Zweck der raumbildenden Maßnahme im Kontext mit anderen Gebäuden. Es mutiert zu einem reinen Kunstobjekt. Ein solches Gebäude ist ein Solist und kann toxisch sein. Kommt noch ein Solist dazu und noch einer, wird das Stadtbild unharmonisch und unstrukturiert. Stadtbebauung funktioniert aber wie ein Orchester: Nur miteinander und nicht mit vielen Solisten.

 

Ein runder Solitär inmitten eckiger Gebäude: Das Guggenheim Museum in New York paßt sich weder an die umliegende Bebauung an, noch hat es ausreichend Platz, um für sich allein stehen zu können. Es wirkt eingeengt und verloren. / Bild: © f11photo/shutterstock

 

Es gilt also die Waage zu halten zwischen künstlerischem Ausdruckswillen und Zweckerfüllung. Und mit Zweckerfüllung meine ich eben nicht nur, ob das Museum ausreichend Wände für Gemälde hat, die Bibliothek Platz für Bücherregale und das Wohnhaus ein dichtes Dach, sondern eben auch seine Funktion im Stadtraum. Schließt es angemessen eine Baulücke, harmonisiert es einen Platz oder ergänzt es sinnvoll bestehende Gebäude?

Es gibt aber auch Bauwerke, die noch einem ganz anderen Zweck dienen als der Selbstdarstellung des Entwerfers: Sie sollen ein Symbol für etwas sein! Das ist immer dann der Fall, wenn Politik mit im Spiel ist. Dann hat das Bauwerk eine politische Mission. Entweder Machtdemonstration – früher von Königen, Fürsten und auch der Kirche – oder die Selbstdarstellung einer ganzen Nation. Heutzutage ist es auch gern mal ein überdimensioniertes und auch noch überteuertes Konzerthaus, das für eine Hafenstadt ein neues Wahrzeichen sein soll. Was Sydney hat wollte Hamburg eben auch.

  

Durch Optik manipulieren

 

Viele Bauwerke dienen generell dazu, Menschen zu beeindrucken. Der Sakralbau (Kirche, Tempel) symbolisiert die überirdische Macht eines Gottes. Der Profanbau (Burg, Schloß, Regierungsgebäude) repräsentiert die übergeordnete Position der Führungselite. Mit einem schicken Industriebau (Bürogebäude, Fabrikhalle) demonstriert eine Firma ihren wirtschaftlichen Erfolg. Und viele Zweckbauten (Brücke, Aquädukt) sollen zeigen, wie fortschrittlich man ist, indem man Täler überqueren oder Wasser kilometerweit transportieren kann. Von der erwünschten Wirkung überdimensionaler Bankgebäude („Die Macht des Geldes“) fang ich gar nicht erst an.

Fakt ist, daß jede Form von Architektur auf unterschiedlichste Weise auf unser Empfinden einwirkt. Sei es Beklemmung in einem Gefängnis, Schutz durch eine Burgmauer oder Ehrfurcht durch eine prunkvolle Kirche. Wäre das nicht so, wenn Architektur mit ihren Gestaltungsmöglichkeiten dies nicht könnte, würden alle Wolkenkratzer, Prunkbauten oder Gotteshäuser keinen Sinn machen. Jahrhunderte lang war es vor allem das Ziel der Kirche, daß der Mensch sich klein und unwichtig fühlt und Gott überhöht dargestellt wird. So sicherte sich der Klerus seine einflußreiche Macht auf Länder und deren Herrscher.

 

Petersdom im Vatikan in Rom (1626): Beeindruckt von der Größe und Pracht des Bauwerkes hat man Ehrfurcht vor Gott. / Bild: © WDG Photo/shutterstock

 

Im Schloßbau ging es indes manchmal zu wie in der Krabbelgruppe für Buben: Wenn Ludwig XIV. sich ein prunkvolles Schloß baut, dann will der Kurfürst August von Sachsen so etwas eben auch. Jeder Bau eines Schlosses sollte anderen Nationen die Macht und den Reichtum eines Herrschers zeigen. Auch wenn dieser Reichtum nicht immer da war. Egal, protzen gehört zum Handwerk der Selbstdarstellung und einem Herrscher, der die Führungsmacht für sich beansprucht. Das Weiße Haus und das Kanzleramt sind auch nichts anderes als das.

 

Selbstdarstellung der Bevölkerung

  

Im 19. Jahrhundert nahmen die Bürger Europas den Monarchen nach und nach ihre absolute Macht. In Parlamenten durften sie nun bei der Politik ihres Landes mitreden. Ebenso wie die Könige und Fürsten zuvor, wollte sich auch dieses erstarkte und selbstbewußte Bürgertum präsentieren. Und womit geht das am öffentlichsten? Mit Architektur natürlich. Für alle sichtbar sollte eine neue, dem geistig emanzipierten Bürgertum gerechte, Architektur gefunden werden. Der Klassizismus – meiner Meinung nach einer der schönsten Architekturstile – ist geprägt durch Bauten, die vom Bildungsbürgertum genutzt werden: Museen, Theater, Bibliotheken, herrschaftliche Stadthäuser. Grundlage des „neuen“ Baustils war aber ein alter, die Antike.

 

Klar, symmetrisch, nach antikem Vorbild: Im Klassizismus drückt sich das Bildungsbürgertum mit seinen Idealen aus. (Glyptothek München, 1830) / Bild: © photo20ast/shutterstock, Bearbeitung: us creativ design

 

Dieses Wiederaufgreifen der antiken Baukunst begründete sich in der Assoziation mit der Regierungsform von Athen und Rom. Bei beiden gab es damals schon Bürgerrechte, Volksversammlungen und ein Parlament. Die Architektur mit den Stilmerkmalen jener Zeit sollte dem Wiedererlangen dieser Bürgerrechte Ausdruck verleihen. Zudem verlangte es die Menschen nach Jahrhunderten des prunkvollen Barock, überbordenden Rokoko und verschwenderischem Adel nach Klarheit, Ordnung und schlichter Ausgewogenheit. Der Klassizismus ist der Findungsprozess des Bürgertums. Hier drückte sich eine Nation aus und nicht eine einzelne Person.

Mit dem Spiel „Wer sind wir, und wie zeigen wir es den anderen?“ befassen sich viele Länder. Dieser zutiefst menschliche Hang zur Selbstdarstellung kann mitunter zutiefst männlich sein; das sieht man am deutlichsten an der Skyline von Dubai. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, und zwar innen wie außen. Durch luxuriöse Bauwerke wird der ganzen Welt der große Reichtum einer Nation zur Schau gestellt. Und wer genau hinschaut, der sieht die Vormachtstellung der Männer in den Hochhäusern, bei denen es immer darum geht, wer den „höchsten“ hat.

 

Dubai, Arabische Emirate: Phallussymbole einer Nation nebeneinander aufgereiht. / Bild: © shutterstock

 

Das Kanzleramt in Berlin, sowie das gesamte Regierungsgelände, soll auch nichts anderes sein als die Selbstdarstellung einer Nation: Das vereinte Deutschland. Allerdings ist die Architektur dieser Repräsentationsbauten nicht aus den Bürgern heraus entstanden wie im Klassizismus, sondern die Gestaltung wurde von einigen Wenigen über eine Wettbewerbsausschreibung entschieden. Das Endergebnis traf aber weder den Geschmack der Bevölkerung, noch den des neuen Nutzers, Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Der noch von Helmut Kohl (CDU) in Auftrag gegebene monströse Beton-Glas-Bau sei ein „Klotz am Bein der Republik“, eine „aufgeblasene Betonburg“ und bekam den Spitznamen „Waschmaschine“. Wohl kaum die gewünschte Symbolik. „Dieses kolossale Monument“ entsprach nicht Schröders „Bild von Deutschland“, da halfen auch nicht die aufwendigen Interpretationen des verantwortlichen Architekten Axel Schultes. (Der übrigens aktuell nach nicht einmal zwanzig Jahren Fertigstellung mit den Sanierungsarbeiten seines offensichtlich qualitativ minderwertigen Baus beauftragt ist. / Zitatquelle in diesem Absatz: DER SPIEGEL 18/2001)

 

Das Kanzleramt in Berlin (2001) präsentiert sich hart, scharfkantig, unnahbar und wuchtig: Was sagt Deutschland der Welt damit? / Bild: © 4kclips / shutterstock

 

Es wäre interessant zu wissen, wie das Regierungsgelände nach Vorstellung des Sozialdemokraten Schröder ausgesehen hätte. Diese postmoderne Variante war offenbar ein mißglückter Entwurf. Architektur die brachial, spitzkantig und hart daher kommt, löste offenbar keine Begeisterungsstürme bei Bevölkerung und Journalisten aus. Zudem ist diese „tolle“ Symbolik nur aus der Luft erkennbar. Die verbindenden Achsen zwischen der Ost- und Westseite über die Spree sind nur aus der Vogelperspektive ersichtlich. Dem Fußgänger bleibt dieses „vereinende“ Erlebnis leider verborgen.

 

Bin ich ein Vogel? - Die „vereinenden“ Achsen über die Spree sind nur aus der Luft erkennbar (rote Linien).
Blaue Linie: Im Gegensatz dazu ist die historische Blickachse vom Brandenburger Tor aus auch als Fußgänger sicht- und erlebbar.
// Luftbild des Regierungsgeländes in Berlin / Bild: google earth, Bearbeitung: Daniele Ludewig

 

 

Architektur als ideologisches Wertesystem

 

Die deutsche Politik zeigt sich mit ihren Regierungsgebäuden gern wenig feingeistig, sondern eher brutal und protzig, dabei aber höchst ambivalent. Nach außen hin präsentiert sie sich der Welt überdimensioniert wuchtig – Deutschland hat das größte Regierungsquartier der Welt – und innen wird der Schlichtheit gefrönt. Mit nüchterner und bescheiden aussehender Inneneinrichtung in Kanzleramt und Reichstag – dieses violett-grau im Plenarsaal ist eine Katastrophe – soll Zurückhaltung symbolisiert und jede Erinnerung an Tradition und Vergangenheit verhindert werden. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Deutschland dieses optische Wertesystem übergestülpt.

Mitunter können ganze Städte Ideologien oder der persönlichen Vision eines Stadtplaners unterliegen. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg war vielerorts kein „Wiederaufbau“, sondern ein Neubau. Es sollte eine „neue Heimat“ für den neuen modernen Menschen sein. Egal, ob die Menschen damit einverstanden waren oder nicht. Sie wurden umquartiert, teilweise enteignet und bestehende historische Gebäude, die den Krieg überstanden hatten, wurden auch noch abgerissen. Tradition, Erinnerung und Historie wurden von Stadtplanern und Politikern abgelehnt. Schlicht, schmucklos und geordnet sollte die neue Bebauung sein.

Bis heute dominiert die Nachkriegsbebauung der 1950er bis 1970er Jahre das Stadtbild vieler Städte. Was diese übergestülpte Ideologie mit ihrer Nüchternheit, die nichts anderes als häßlich ist, mit den Menschen macht, zeigt sich seit einigen Jahren im Wunsch nach Sanierung historischer Gebäude oder der Rekonstruktion ganzer Altstadtbebauungen.

 

 

Der Folgeartikel über die Identität und das Wohlfühlen mit Architektur ist in Arbeit :-)

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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