09. August 2020

Einfach nur ein Auto

Warum es etwas Altes sein soll!

von Daniele Ludewig

 

Der Klassiker schlechthin: der Mercedes SL 500. / © Hadrian/shutterstock

 

Das Thema Auto ist vor allem in Deutschland quasi immer aktuell. Es ist des Deutschen liebstes Spielzeug. Durch den Diesel-Skandal, Fahrverbote, verärgerte Käufer und nichtsahnende Manager hat das Ganze in den letzten Jahren allerdings etwas an seinem Spaßfaktor verloren. Und jetzt wird man auch noch mit dem Kauf eines Elektroautos tyrannisiert. Es wird uns suggeriert: Wer jetzt nicht umsteigt ist maßgeblich am Klimawandel beteiligt. 

Die Umstände wollen es, daß ich mir gerade ein neues Auto kaufen muß oder will. Müssen muß man das eigentlich tatsächlich fast nie. Nur Außendienstmitarbeiter und Monteure müssen. Bei allen anderen hat es eher etwas mit Bequemlichkeit und Zeitaufwand zu tun. Ins Auto einsteigen und losfahren, ohne dabei auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen zu sein, ist Freiheit und Selbständigkeit pur. Zudem kann man spontaner sein. Die Fahrpläne der Bahn sind oft nicht kompatibel mit Spontanität.

Womit ich dann auch gleich schon bei den Einschränkungen durch das E-Auto bin. Ist die Kiste nicht ausreichend aufgeladen, hat es sich just in diesem Moment erledigt mit der Spontanität und der Freiheit.

 

Dieser Roadster braucht noch ein paar Jahre, aber das wird auch mal ein Klassiker. Mazda MX-5 (NB)  / © ArtKonovalov/shutterstock

 

Ich wohne in der Stadt. Ziemlich zentral. Mehrfamilienwohnhäuser in Straßenblockbebauung. Die Autos in meinem Wohnviertel stehen draußen auf der Straße. Einige Wenige haben einen Parkplatz im Hof oder eine Garage. Stromanschluß für E-Auto – nix da. Ausreichend Ladestationen – Pustekuchen. Das Thema E-Auto ist für uns hier eher kein Überlegung wert; Kaufprämie hin oder her. Was mich allerdings wahnsinnig entlastet, weil ich aus den verschiedensten Gründen auch keines kaufen möchte. Zum einen eben, weil es zu kompliziert ist mit dem Aufladen. Zum anderen aber auch, weil ich sie viel zu teuer finde.

Generell finde ich die modernen Autos mittlerweile viel zu teuer. Ein Mittelklassewagen wie der Golf kostet heute fast soviel wie früher ein BMW Cabrio. Und es gibt Autos die haben den Wert eines Reihenhauses von vor 20 Jahren. Und warum? Unter anderem wegen des vielen Schnickschnacks, der darin verbaut ist. Da sind Funktionen und Anzeigen drin, die früher kein Mensch gebraucht hat. Autofahren ging früher auch ohne das alles. Einparkhilfe, Distanzkontrolle, Spurkontrolle... . Bei neuen Autos habe ich immer das Gefühl, daß ich von dem Auto kontrolliert werde und nicht umgekehrt. Ständig piepst und blinkt da irgendwas und weist mich auf etwas hin.

Neulich hatte ich einen Leihwagen, einen Polo. Wenn man bei den neuen Autos die Fahrertür öffnet und der Motor ist an, dann fängt es an zu piepsen. Als ob ich nicht wüßte, daß ich die Tür geöffnet habe. Allerdings piepste es so laut, daß ich Angst hatte die Nachbarn wachen auf – es war morgens um sieben.

 

Ein Cockpit ohne piepsenden Schnickschnack. Mercedes 190 SL Cabrio. / © ermess/shutterstock

 

Der kleinste Kleinwagen ist heutzutage damit ausgestattet, das treibt die Preise hoch und ich bin genervt. Wenn ich die Tür öffne, weiß ich das. Wenn ich nicht angeschnallt bin, weiß ich das auch. Und wer nicht einparken kann, soll zu Fuß gehen. Neulich hat mir jemand erzählt, daß die Fahrschüler heutzutage in Autos fahren lernen, die eine Einparkhilfe haben. Man hat also gar nicht mehr den Anspruch, es allein zu können. 

Hinzu kommt, daß das alles elektronisch ist. Wenn etwas kaputt ist, repariert das ein Mechatroniker, kein Mechaniker. Man selber kann überhaupt nichts mehr machen, nicht einmal die Glühbirne am Scheinwerfer tauschen. Muß alles jetzt in der Werkstatt gemacht werden, und das kostet dann auch gern mal über hundert Euro. Da wird auch keine Glühbirne gewechselt, sondern der komplette Scheinwerfer. Weil alles so eng und zusammenhängend verbaut ist in den modernen Autos, muß der halbe Motor ausgebaut werden. Und natürlich ist der Stundenlohn vom Mechatroniker höher, weil er ja viel hochwertiger ausgebildet ist. Also nochmal teurer.

 

Anspruch: Ein ästhetisches Auto,

das einfach nur ein Auto ist, und kein fahrender Computer.

 

Früher habe ich für 15 DM eine neue Glühbirne gekauft, sie selber ausgetauscht – fertig. Und die machte nachts auch Licht. Mittlerweile ist das gesamte Cockpit elektronisch. Vom Tacho, Drehzahlmesser und Tankanzeige bis zum Kilometerstand. Wenn hier etwas defekt ist, wird das gesamte Cockpit ausgebaut. Ich sag’ nur Stundenlohn.

Aber das Allerschlimmste ist dieses dauernde Piepsen und Blinken. Ich fühle mich davon belästigt und bevormundet. Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, umso mehr man abgenommen bekommt, desto mehr stellt man das Denken ein und wird unselbständiger. Selbständig fahrende Autos, die es ja auch schon gibt, sind mein absoluter Alptraum. Für mich kommt derzeit nur ein Auto in Frage, das ich tatsächlich noch selbst fahre. Also etwas Altes.

Vor einiger Zeit kam mir in einer kleinen Seitenstraße ein alter Mustang entgegen. Ein Cabriolet in sattem Ferrarirot. Am Steuer saß eine Frau mit kurzem Haarschnitt, grau meliert. Ein Mischung aus elegant und sportlich dynamisch. Sie war eins mit ihrem roten Flitzer, den sie souverän durch die enge Straße lenkte. Ich fand sie toll. Ergo: Das will ich auch. Meine Haare sind zwar noch nicht grau, aber ein altes Cabrio, Marke Klassiker, soll’s sein. Das hat Stil.

Ich freue mich schon darauf, wenn ich nicht mehr angepiest werde und die Glühbirne ganz alleine austauschen kann.

 

Einfach nur schön! / © shutterstock

  

Früher wurden einfach schöne formvollende Autos gebaut.

Warum geht das heute nicht mehr?

 

 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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