27. März 2021

"Frauen brennen besser"

Leseprobe aus dem aktuellen Buch von Thomas Fuhlbrügge 

 

 

Zum Buch:

Victor Joël beseitigt Leichen. Tagsüber legal in einem Alzheimer Krematorium. Nachts für Salvatore, einem Mafia-Paten im Rhein-Main-Gebiet. Meist verbrennt er die gelieferten Toten und füllt die Asche zusammen mit seinem täglichen Pensum in die Urnen.

Dafür hat er extra eine Ausbildung zum Bestatter absolviert und sich in die Computeranlage des Krematoriums gehackt. Die Belohnung seiner Arbeit investiert er in Bitcoins und Briefkastenfirmen.

Als Victor einen weiteren Sarg von Tibor, dem hünenhaften Killer Salvatores, erhält, denkt er an einen Routinefall. Doch kurz bevor der Sarg in den Ofen einfährt, klopft es von innen. Eine mörderische Flucht beginnt.   

 

Die hier vorgestellte Szene beschreibt die Abschlussparty der Berufsschulklasse von Victor an einem Baggersee:

Ich stand auf und füllte mir Weißwein mit Eiswürfeln in einen Plastikbecher. Dabei traf ich Mae. Sie war ebenso schwarz gekleidet wie ich. Aber im Gegensatz zu mir, der für viele etwas von einem Nerd hatte, war sie in der Gothic-Szene der bayrischen Schwaben beheimatet. Sie war hübsch und erinnerte mich ein bisschen an Amina aus dem Treibhaus.

Alles unter 500 Gramm ist Aufschnitt, stand auf ihrem Shirt. Ein saftiges Steak war darunter abgebildet. Sie war ebenfalls in meiner Klasse. Absolvierte eine Ausbildung als Metzgereifachverkäuferin. Strähnen ihres straßenköterblonden Haares waren grün gefärbt. Dazu Tattoos und Piercings. Aber auch verheilte Narben vom Ritzen am Unterarm. Aus manchen Bemerkungen im Katholischen Religionsunterricht wusste ich, dass sie ziemlich morbide war. So fragte die Lehrerin einmal, was wir fühlen würden, wenn wir einen Menschen erschießen müssten. Mae sagte: Den Rückstoß. Es war dem Gesicht der Lehrerin nach zu urteilen die falsche Antwort.

Sie goss sich Jacky-Cola ein und prostete mir zu. Dazu sagte sie etwas in meine Richtung. Da die Musik immer noch zu laut war, führte ich die 19-jährige zu den Paletten. Wir setzten uns nebeneinander.

»Du wohnst in Katzenhirn?«

»Ja zur Untermiete. Gleich neben der Kapelle zum Gegeißelten Heiland. Das Gebimmel jeden Morgen ist ätzend.«

»Mega Kacke. Ich hause noch in Kirchdorf. In der Schwedenstraße. Unter dem Dach bei meinen Eltern. Das ist auch der Horror, kann ich dir sagen… Was ich dich die ganze Zeit fragen wollte, Victor: Wie hat man Sex, wenn man Stunden zuvor noch eine Leiche gesehen hat?«

»Ich habe damit keine Probleme«, sagte ich. Obwohl es bisher nur wenig Sexualität in meinem Leben gab, für die ich nicht bezahlen musste. »Das ist eher für mein Gegenüber schwierig. Wahrscheinlich denken Frauen: Hey, hat der nicht gerade noch 'ne Leiche angefasst? Da wird man schon gefragt, ob man sich die Hände gewaschen hat. Das mache ich übrigens regelmäßig. Außerdem trage ich Handschuhe bei der Arbeit. Du wahrscheinlich auch.«

Sie lächelte. »Nur wenn mein Chef zuschaut. Ansonsten liebe ich es, meine nackten Hände in frisches Hackfleisch zu stecken. Da werde ich feucht.«

»Du bist echt eklig.«

»Das ist noch gar nichts. Wir haben bei Edeka auch eine Fischabteilung. Da hatten wir mal Elefantenrüsselmuscheln. Gelten in Japan als Delikatessen. Die habe ich gerne angefasst. Unser Chef hat die bestellt, ohne zu wissen, wie die eigentlich aussehen.«

»Lass mich raten: wie ein Elefantenrüssel?«

»Besser. Sie heißt auch Penismuschel. Es handelt sich um eine Art, die in salzhaltigen Gewässern beheimatet ist. Mit ihrem langen, runzeligen Saughals sieht sie wirklich aus wie ein riesiger Pimmel. Fühlt sich auch so an. Die Muschel spritzt sogar ab, wenn sie gekocht und gedrückt wird. Den Rüssel braucht sie, um aus dem Wasser an der Oberfläche Nahrung anzusaugen.«

»Ich vermute, es war kein Verkaufsschlager.«

»Nicht eine sind wir losgeworden. Nach zwei Tagen landeten alle im Müll. Ich habe mir gleich zehn mitgenommen.«

»Wie schmecken sie?«

»Keine Ahnung. Ich habe an dem Abend eine wilde Party damit gefeiert.«

»Sagte ich schon, dass du eklig bist?« Ich trank einen tiefen Schluck Wein. Die Eiswürfel waren bereits geschmolzen. »Ich mag dein Shirt.«

»Ja, schwarz steht mir. Ich trage auch immer den passenden Nagellack zu meinem Slip.«

Ich war irritiert. »Aber du hast doch gar keine lackierten …« Endlich verstand ich.

»Genug von mir. Was war die skurrilste Beerdigung, auf der du je warst?«

Ich musste nicht lange überlegen. »Ein hochrangiger pensionierter Bundeswehrgeneral hatte im Alter seine Homosexualität entdeckt. Wie in einem schlechten Klischee lag er in einem fantastisch geschnittenen, lila Samtanzug im rosa ausgeschlagenen Sarg. Keine Uniform oder so. Hatte er im Testament bestimmt. Ich glaube, er lebte bis zum Ende nicht offen schwul. Aber das war sein Mittelfinger ans System. Die ganze Zeit stand eine Ehrenwache vor dem Sarg. Sechs Mustersoldaten. Alle um die zwei Meter. Verschiedene Waffengattungen. Keiner verzog eine Miene, als sie den tuntigen Sarg schlossen. Das war so absurd. Draußen nahmen sie dann mit allem militärischen Pipapo von ihm Abschied.«

»Isst du dich auf Trauerfeiern richtig satt?«

»Wenn ich da bin und es lecker ist, auf jeden Fall. Aber es ist selten gut. Viel trockener Ribbelkuchen und dünner Kaffee.«

»Was ist Ribbelkuchen?«

»Staubtrockener Boden mit Streusel. Letztens gab es Stullen mit einer fantastischen Dattelcreme drauf. Ich vermute das Resultat einer Thermomixorgie. Aber meistens fehlt mir die Zeit, um mitzuessen.«

Mae sah mir verschmitzt in die Augen. »Haben Bestatter Sex mit Leichen?«

Ich verschluckte mich an meinem Wein. »Immer wieder gibt es natürlich Fälle von Nekrophilie. In jeder Stadt erzählt man sich Geschichten von irgendeinem Friedhofswärter, der irgendwann früher einmal da gearbeitet hat und irgendwie irgendwas gemacht haben soll, was so etwas wie Leichenschändung war. An der Formulierung dieses Satzes merkst du schon, dass es eine Legende ist.«

»Doch bei einer hübschen jungen Frau schaust du schon genauer hin… Du musst sie ja ausziehen.« Sie spreizte für einen Augenblick keck ihre Beine und ließ mich eine Anzahl Intimpiercings unter ihrem Rock erahnen.

Jetzt schwitzte ich noch mehr. Mit der linken Hand verscheuchte ich eine Stechmücke. »Das hatte ich erst ein Mal. Kohlenmonoxidvergiftung bei einer Studentin. Vor zwei Wochen. Stand in der Zeitung.«

»Ich kannte sie.«

Mae sah über den See und der Schalk war für einen Moment aus ihren Augen gewichen. »War früher in meiner Handballmannschaft… Die sah doch echt gut aus. Hast du sie dir nicht in einem heimlichen Moment vorgenommen?«

Wie jede Leiche, die aus der Gerichtsmedizin kam, hatte diese einen Y-Schnitt über dem gesamten Oberkörper. Die Ärzte entfernten und untersuchten ihre Organe. Anschließend wurde alles hineingestopft und mit ein paar Stichen provisorisch vernäht. Dieses Bild hatte ich vor Augen. Darin lag nichts Erotisches.

»Spinnst du?«, sagte ich entschlossen. »Es hat mir nur leidgetan, dass so ein attraktiver und junger Mensch tot ist und nicht mehr die Freuden des Lebens genießen darf.«

Nur der Gedanke an Sex mit Leichen war für mich grauenvoll. Ich kannte die Kälte eines verstorbenen Körpers und wie sich ein Leichnam anfühlte: eisig und plump. Dazu die damit verbundenen Gerüche. Allein schon aus diesen Gründen kam so etwas für mich nicht infrage. »Ich denke, man muss schon eine sehr starke sexuelle Störung haben, um diese spezielle Form der Abartigkeit aufreizend zu finden. Oder praktizieren zu können.«

Mae schien bei meinen Worten enttäuscht und drehte sich von mir weg. Vielleicht war sie auch verärgert. Weil ich von Abartigkeit und Störung gesprochen hatte.

»Aber das bedeutet nicht, dass ich etwas gegen Sex mit Lebenden hätte«, sagte ich rasch.

»Weiß nicht…«

Die anderen tanzten inzwischen um das Lagerfeuer. Bewegten sich staccato-ähnlich im Hammerschlag der Rhythmen. Wie um ein goldenes Kalb. Es knisterte in der Hitze. Mehrere knutschten wild. Auch Elke mit Mandy. Dieser Anblick schien Mae zu erregen. Ich überlegte, wie ich sie noch rumkriegen könnte und raunte in ihr Ohr: »Aber weißt du was? Ich bin heute mit unserem Leichenwagen hier. Er steht vorne an der Straße.« Sie war wieder bei mir. Mae fing einen Schweißtropfen von mir mit ihrem Zeigefinger auf und steckte ihn sich in den Mund.

Jetzt fehlte nur noch das Sahnehäubchen: »Und es steht ein leerer Sarg drinnen.«

 

Das Buch ist erhältlich im COORTEXT-Verlag

https://www.coortext-verlag.de

 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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