28. Dezember 2019

Oh wie schön ist Weihnachten?

 

Am schönsten und entspanntesten ist Weihnachten doch für die Kleinen. / © shutterstock

 

Weihnachten kommt jedes Jahr und jedes Jahr läuft es gleich ab. Es wird Glühwein getrunken, Geschenke werden gekauft, bunte Kugeln aufgehängt und auf allen Radiokanälen trällert George Michael sein „Last Christmas“. An Heiligabend ziehen wir uns hübsch an und fahren zum großen Familientreffen mit Weihnachtsgans oder Kartoffelsalat mit Würstchen. Während das Auto mit den Geschenken vollgepackt wird, gibt es noch ein kurzes Brainstorming, ob man auch für jeden etwas hat. Ansonsten heißt es: Nochmal schnell irgendwo hin und irgendetwas kaufen, denn um 14 Uhr fällt die Schlußklappe und der Vorweihnachtsmarathon wird abrupt beendet.

Dann kommt Phase 2: Sich besinnen! Aber worauf eigentlich? Irgendetwas war da doch mit einer Jungfrau, die ein Baby bekam und drei alten Männern, die einem Stern folgten. Eigentlich eine völlig absurde Geschichte und doch bestimmt sie unser Leben maßgeblich. Die jährlichen Umfragen in den Fußgängerzonen, ob man denn wisse, was an Weihnachten gefeiert wird, zeigen allerdings, daß viele Menschen nicht mal das wissen. Ich dachte immer, dass die Radiosender uns mit den erschreckend unwissenden Antworten veräppeln wollen, und daß das einfach nur lustig sein soll. Aber teils ist das bitterer Ernst. Man muss ja nicht daran glauben, aber man sollte zumindest wissen, was Weihnachten ist.

Auf jeden Fall hat es etwas mit Nächstenliebe zu tun und nicht mit Konsumrausch. Ab Anfang Dezember ist das Kaufverhalten der Bevölkerung jedoch regelmäßig eine Nachricht in der Tagesschau wert. Denn es ist wichtig für den Wohlstand unseres Landes, daß viel gekauft wird. Und die Menschen sind brav, sie gehorchen dem Aufruf. In der Stadt laufen Menschenmassen in eiligen Schritten umher, als wenn es morgen nichts mehr zu kaufen gäbe. Große Tüten mit Geschenken in Überfluß, aber fröhlich sieht niemand aus. Es fühlt sich eher ein bisschen an wie Hamsterkäufe kurz vor dem Ausbruch des Vesuvs. 

Meine Familie hatte mal beschlossen, daß wir uns nichts mehr schenken. Ein stiller Protest gegen diesen Konsumzwang, der völlig ausartet und überdeckt, worum es eigentlich gehen sollte. Dann saßen wir da, nach dem Entenschmaus, und es gab nichts auszupacken. Gott, war das langweilig, komisch und sogar ein bisschen lieblos. Also schenken wir uns wieder etwas. Aber nur etwas Kleines. Die Päckchen werden so ausgepackt, daß man das Geschenkpapier wiederverwenden kann. Der Umweltschutz zählt überall. Wie nervig eigentlich, nicht mal Geschenke auspacken geht ohne Moralkeule. Die Grünen und Greta Thunberg sollen doch Stolz auf uns sein. Aus Protest zerknülle ich wenigstens einen Bogen Papier, der meiner Meinung nach wirklich mit vielen Klebestreifen übersäht ist.

Und wo ist da jetzt die Nächstenliebe? Man sollte meinen, daß sie dort ist, wo man seine Nächsten liebt, indem man sie beschenkt und zusätzlich die Konzerne mit Umsatz beglückt. Aber nein, das langt nicht. Die besten Bürger für diese Welt sind diejenigen, die ein zweigeteiltes Gewissen haben: Eine Kombination aus Konsumzwang und Nächstenliebe auch Fremden gegenüber. Diese Menschen sind den organisierten Bettlertruppen schutzlos ausgeliefert. Mitarbeiter und freiwillige Helfer von UNICEF & Co. lauern ihnen in der Fußgängerzone auf, um ihnen Bilder von schwarzen Babys mit großen traurigen Augen unter die Nase zu halten. Das soll an das Mitgefühl appellieren und die Geldbörse öffnen. Bei dem Versuch sich argumentativ herauszuwinden folgt ein kritischer, fast vorwurfsvoller Blick auf die große Einkaufstüte mit den Geschenken für die Familie. Um dieser Suggestion von schlechtem Gewissen zu entkommen, hilft nur ein klares Nein, ansonsten Bargeld zücken. Ja, ja ... das Fest der Liebe.

Trost über die nichtgeplante Mehrausgabe findet sich anschließend in dem Gedanken, daß wir sowieso teilweise sogar ungeliebte Menschen beschenken müssen. Geschäftskollegen, der komische neue Freund der besten Freundin und Person X. In jeder Familie gibt es eine Person X, die immer dabei ist, aber mehr geduldet als gemocht wird. Da fällt mir ein, ich muss noch zu Aldi, um ein paar Billigpralinen für genau diese Leute zu kaufen. Schön eingepackt gehen die locker als Importware aus Belgien durch.

 

Und was bedeutet mir Weihnachten?

 

Es ist die Zeit in der Etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Zwischen den Jahren tickt die Uhr irgendwie anders – langsamer, stiller. Ich habe Zeit, in mich zu gehen und Tabula rasa des letzten Jahres zu machen. Und ich erinnere mich an alte Zeiten, an ein bisschen heile Welt. Als Kind habe ich auch schon einmal ein Gedicht aufsagen müssen. Anschließend habe ich auf der elektronischen Orgel gespielt und mein Opa auf seiner Mundharmonika. Es sind schöne Erinnerungen, denn da waren wir alle noch zusammen. Während des Jahres ist die Familie zwar auch öfter einmal zusammen, aber an Weihnachten ist es irgendwie intensiver. 

Ich finde Weihnachten einfach schön. Alles ist schön geschmückt, in den Städten riecht es nach gebrannten Mandeln und Glühwein, und überall leuchten Lichter. Und gäbe es Weihnachten nicht, dann käme einem die dunkle Jahreszeit ja noch viel länger vor. Man muß sich ja irgendwie die Zeit vertreiben bis zu Karneval und Ostern.

 

Daniele Ludewig

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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