20. November 2020

Mit Stil und Chic daheim

Negligé und Morgenmantel als Hauskleidung 

von Helena von Rehberg

 

Zu Hause geht noch etwas anderes als nur der Schlabberlook./ Bild: © shutterstock

 

Fällt das Wort Negligé, denken Männer an sexy Frauen mit schönen Körpern, eingehüllt in durchsichtige Spitze und einem zart wehenden Stoff, der kaum etwas verdeckt; im Grunde halbnackt. Kombiniert mit einem Ich-will-dich-Blick ist das der Traum eines jeden Mannes. Frauen denken im Grunde dasselbe. Tragen sie ein Negligé, fühlen sie sich sexy in solch einem Hauch von Nichts – oder zumindest wollen sie sich sexy fühlen – und den Mann ihrer Begierde verführen. Manchmal ist das Negligé der letzte Versuch, es im Schlafzimmer noch einmal Krachen zu lassen, bevor man sich dann doch eingestehen muß, daß der Gang zum Scheidungsanwalt nicht zu verhindern ist; das Negligé als Eheretter. Dabei war das Negligé im 18. Jahrhundert einmal ein ganz braves und zumeist ausgehfeines Kleidungsstück: Es war „Hauskleidung“, die auch auf der Straße oder bei Reisen, jedoch niemals bei Festlichkeiten, getragen werden konnte.

Anders als heute kleidete man sich zu Hause deutlich besser und gesellschaftsfähiger. Diesen Sofalümmellook, mit dem heutzutage auf die Straße gegangen wird, hat es früher nicht gegeben. Selten habe ich soviel Jogginghosen in der S-Bahn oder Innenstadt gesehen wie derzeit. Wie manche Menschen sich mittlerweile im öffentliche Raum zeigen schmerzt im Auge des Ästheten. „Des hädd’s friher nedd gäwwe“, würde der Hesse da sagen und bringt damit den stetigen Niedergang unserer gesellschaftlichen Kultur bestens zum Ausdruck. Bestimmt schon hundertmal wurde der legendäre Satz von Modezar Karl Lagerfeld zitiert, aber der ist so gut, den kann man immer wieder bringen: „Wer eine Jogginghose auf offener Straße trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“.

 

„Nicht kommunizieren geht nicht.“

– Paul Watzlawick –

 

Das Gros der Leute, die im Gemütlichkeitslook draußen herum laufen – Männer wie Frauen! – behaupten ja, sie würden sich gar nicht dafür interessieren, wie man sich zu kleiden hätte und wie andere das finden. Das sind auch genau diejenigen, die in Turnschuhen, Schlabberjeans und ausgewaschenem Pullover zur Premiere ins Theater gehen. Sie behaupten es sei ihnen egal, und sie seien frei von Konventionen. Doch ich denke, daß genau das Gegenteil der Fall ist. Es gibt nur zwei Gründe für Schlabberlook und Jogginghosen auf offener Straße, ohne das dieser jemand sich gerade sportlich ertüchtigt: Selbstaufgabe oder Oppositionshaltung gegenüber der noch nach Werten orientierten Gesellschaft. Hier soll denen, die sich noch an Stil und Benehmen halten, offenkundig der Stinkefinger gezeigt.

 

„Kleider machen Leute“

 

Mit der Art der Kleidung können wir unsere Persönlichkeit ausdrücken. Wir können zeigen, wer wir sind, aber auch, wer wir sein wollen und zu welcher Gruppe wir gehören möchten. Durch unser Erscheinungsbild ordnen wir uns sozial ein. Wer sich einbildet, dass er keine Botschaft durch sein Äußeres vermittelt, der irrt. Gerade in Coronzeiten, in denen viele Menschen zu Hause bleiben (müssen) und wahrscheinlich noch öfter der DHL-Mann mit einem Paket vorbeikommt, sollte man sich nicht gehen lassen. Ich möchte gar nicht wissen, was den Lieferanten heutzutage optisch alles zugemutet wird.

So Gott und die Impfstoffhersteller wollen wird es auch eine Zeit nach Homeoffice und Lockdowns geben, die dann modisch nicht nur den Lümmellook vorzuweisen haben sollte. Gerade weil sich unser Leben aktuell und vielleicht zukünftig mehr zu Hause abspielt, sollten wir über unsere Einstellung zum individuellen Kleidungsstil nachdenken. Ich plädiere dringend für eine Wiederbelebung eines zumindest etwas gehobeneren Kleidungsstils in den eigenen vier Wänden. Und vor allem plädiere ich für eine Unterscheidung zwischen der Kleidung im Haus, draußen auf der Straße und im Theater.

 

Portrait einer Frau im Negligé, um 1900, André Sinet / Bild: gemeinfrei

 

Vor einigen Jahren ging ich gezielt in eine Boutique für Damenwäsche. Keine Kette, sondern ein privat geführtes Geschäft für Damenwäsche aller Art von Dessous bis Schlafanzügen. Ich hatte keine Lust mehr auf noch eine Flanellschlafanzughose von H&M oder Hunkemöller aus Bangladesch. Es sollte etwas Erwachsenes sein, schließlich hatte ich die 25 schon länger hinter mir gelassen. Die Verkäuferin – und in der Tat eine Fachverkäuferin wie man es heute kaum noch findet – zeigte mir ihre Kollektionen. Beim Durchgucken stieß ich auf etwas, was mir zu fein und elegant fürs Bett schien und zu légère für außer Haus. Die Verkäuferin erklärte mir, diese Kollektion sei von einer Designerin, die Mode entwerfen wollte, in der Frauen zu Hause gut, aber bequem gekleidet sind, und in der frau „dem Briefträger bedenkenlos die Tür öffnen kann“. 

Diese Designerin hatte offensichtlich den Gedanken der ursprünglichen Hauskleidung wieder aufgegriffen. Denn lange bevor es den Jogging-Anzug und den flauschigen Bademantel der 1950er-Jahre gab, indem Doris Day über die Leinwand hüpfte, kleideten sich Frauen wie Männer daheim stilvoll und besuchertauglich. In alten Schwarzweißfilmen kann man das noch wunderbar sehen.

 

"Soooo elegant. In schöner Kleidung fühlt sich frau auch besser." / Bild: © shutterstock

 

In dieser stilvollen Zeit zogen sich die Herren extra eine andere Jacke an, das Smoking-Jacket (sog. um 1900), wenn sie zum Rauchen in den Herrensalon gingen. Schließlich sollten die Damen anschließend keine nach Rauch riechenden Männer um sich haben. Waren das noch Zeiten! Und die Damen trugen Anfang des 20. Jahrhunderts Morgenmäntel aus feinen Stoffen, wehende Kaftans oder in der Taille gebundene Hauskleider, was alles deutlich edler aussah als ein Nicki-Anzug mit Forever-18-Aufschrift. Niemals sah man Greta Garbo oder Marlene Dietrich im Schlabberlook über die Leinwand schreiten. Per se geht Schreiten in solch emotionsloser Klamotte sowieso nicht.

 

Fazit

Ursprünglich war das Negligé eine Hauskleidung, mit der man so ordentlich angezogen aussah, daß man damit auch auf die Straße gegangen ist. Heute ist das anders herum: Man sieht draußen genauso schmuddelig aus, wie daheim. Mit dem, was auf dem Sofa getragen wird, und das eigentlich auch für zu Hause schon nach Selbstaufgabe aussieht, wird hemmungslos in die Öffentlichkeit gegangen. Eine höchst bedenkliche Entwicklung.

 

 

 

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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