27. April 2020

TRIAGE -

Mit einer Handbewegung

von Thomas Fuhlbrügge 

 

 

In der Nacht seines Todes war mein Opa endlich bereit, von früher zu berichten. Immer wieder hatte ich ihn darauf angesprochen: Zuerst mit meinem naiven Schülerblick, als wir das Thema `NS-Zeit´ im Unterricht thematisierten. Auch später, als ich mein Medizinstudium begann. Stets wich er aus. Wer redete schon gerne über den Krieg und seine eigene Rolle darin? Ich rang ihm aber das Versprechen ab, es mir irgendwann zu erzählen. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Mächtig stolz war er auf meine Studiennoten. Er hoffte, dass ich einmal in seine Fußstapfen treten würde.

Als es in dieser Stunde ans Sterben ging, wollte er nicht meineidig werden. Der alte Mediziner lag in seinem Pflegebett, umringt von Apparaten. Ich hatte gerade mein Praktisches Jahr im Klinikum begonnen. Hier war er zwanzig Jahre Chefarzt gewesen. Eine Koryphäe. Eine Operationsmethode wurde nach ihm benannt. Nur deshalb bekam er ein Einzelzimmer.

Ich saß an der Bettkante. Er schilderte zunächst das Studentenleben in den 30er-Jahren in Heidelberg. Durchaus unterhaltsam. Aber ich wollte es genauer wissen: "Sag schon, wie es im Krieg war!" Ich dachte bisher, dass er in ein Feldlazarett einberufen wurde. Jetzt erfuhr ich, dass er dort erst seit Anfang Februar `45 seinen Dienst verrichtete, nachdem die Rote Armee die Ostgebiete erobert hatte. Vorher war er woanders…

"Mit einem Rucken hielten die Züge am Prellbock", kam es brüchig aus seinem Mund. Ich gab ihm erst einmal zu trinken. "Hunde kläfften. Dazu kratzte Richard Wagners `Arie des Landgrafen´ aus dem zweiten Akt der Oper Tannhäuser vom alten Grammofon." Er blickte sekundenlang aus dem Fenster über die Dächer von Darmstadt. "SS-Kolonnen waren aufmarschiert. Die Karabiner im Anschlag. Häftlinge schoben derweil hölzerne Rampen an die Güterwagons. Zeitgleich öffneten sich die Schiebetüren zu beiden Seiten. Die Lautsprecher kreischten: "Männer rechts, Frauen und Kinder nach links aussteigen!" Und: "Lassen sie die Koffer in den Wagen! Nach der Läusedesinfektion werden sie ihnen wieder ausgehändigt." Schnell schrieben einige hoffnungsvoll ihre Namen mit Kreide darauf.

Was für eine dreiste Lüge! Die toten Augen der Kapos in ihren weiß-blauen Monturen begleiteten die Aussteigenden. Sie wussten, was passieren würde, kannten die Wahrheit und schwiegen. Mancher Deportierte blickte sich ängstlich um. Überall lag Asche. Es roch nach Leichen, nach verbrannten Menschen. `Arbeit macht frei´ – stand am Tor.

Doch keiner hatte Zeit zum Verweilen. Die SS-Schergen brüllten. Schreie. Tritte. Tränen. Im Laufschritt, oft unter Zuhilfenahme des Gewehrkolbens wurden die Neuankömmlinge auf die Tische zugetrieben, an denen Männer wie ich saßen. Kaum älter als du jetzt. Daneben Soldaten mit Listen. Manchen Gefangenen ließ ich Kniebeugen machen oder den Mund öffnen. Meist reichte ein Blick. Darauf eine winkende Handbewegung. Die Jüngeren, Kräftigeren trieb man ins Lager. Für Alte, Gebrechliche oder Schwangere bedeutete mein Zeichen den direkten Weg in die Gaskammern."

Tränen rannen über seine Wangen. "Diesen Geruch bekommst du nie wieder aus der Nase… Dazu die Tränen der Väter beim Abschiednehmen, die verzweifelten Kinderaugen… All diese vielen Menschen, die ich in den Tod geschickt habe und die weiterleben könnten."

Ich fragte mich, ob ich das alles aus seinem Mund hören wollte. Er war die Güte in Person, mein geachteter Großvater.

"Wir bekamen vorher Angaben, wie voll die Lager waren. Oder zu den Kapazitäten der Krematorien. Danach brauchten wir mal mehr, mal weniger Arbeitssklaven. Da kam gelegentlich einer durch, der einen Tag zuvor längst aussortiert worden war."

Jetzt schwieg er lange. "Aber das war der Befehl. Was hätte ich dagegen unternehmen sollen - in dieser Zeit? Dein Vater war gerade geboren… Ich habe jedenfalls meinen Frieden mit dem gefunden, was ich getan habe und später vielen das Leben gerettet. Zählt das nicht? Bin ich deshalb ein schlechter Mensch?"

"Alles ist gut", sagte ich reflexartig – doch ich spürte ein Würgen im Hals. Meine Hand glitt sanft über sein dünnes, weißes Haar. Er schloss nach meiner Absolution mit einem Lächeln die Augen und dämmerte weg. Noch eine Stunde schlug sein Herz, piepten im Takt dazu die Maschinen. Ich saß die ganze Zeit bei ihm und dachte nach. Zwischendurch meldete mein Pager vibrierend, dass ich irgendwo gebraucht wurde, obwohl längst Dienstschluss war.

Doch nicht jetzt. Nicht in diesem Moment.

Kaum älter als ich jetzt... Er war kein Monster, sondern der beste Opa, den man sich wünschen konnte. Auch seine Mitarbeiter und Patienten mochten und achteten ihn. Doch wogen die vielen guten Taten wirklich eine solche Vergangenheit auf? Er war Arzt und hatte einen Eid geleistet, sich für das Leben einzusetzen. Stattdessen selektierte er für ein rassistisches Regime. War ein aktives Rädchen im Völkermord. Er sah keine Menschen mehr vor sich, sondern reduzierte sie auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit. Mit einer einzigen Handbewegung…

Die letzte Umarmung mit gemischten Gefühlen. Dann trat ich zurück auf den Flur und gab den Schwestern Bescheid. Die erste reichte mir sogleich das Haustelefon.

"Ah, Stefan, gut dass du noch da bist. In der Notaufnahme ist die Hölle los. Alle Kollegen sind im OP, die Pfleger völlig überlastet."

Natürlich half ich. Zog mir die Schutzkleidung über. Bald stand ich im überfüllten Zelt vor dem Eingangsbereich, in dem viele auf Hilfe warteten.

Ich begann mit der Triage. So wie ich es gelernt hatte. Streng nach Vorschrift. `Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen im Notfall´ – hieß der entsprechende Leitfaden. Dafür verteilte ich farbige Armbänder. Das entschied, wer wann dran kam. Denn wenn die Kapazitäten nicht mehr ausreichten, um jeden Patienten zu behandeln, sollte alles so organisiert sein, dass möglichst viele gerettet werden. Daran gab es nichts Verwerfliches.

Das bedeutete jedoch in der Praxis: Über-Achtzigjährige waren von der Beatmung ausgeschlossen. Damit die Jüngeren eine bessere Chance hatten. Aber auch die Alten brauchten nicht unnötig zu leiden. Stattdessen erfolgte eine Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln. Mancher protestierte…

Mit einer Handbewegung wies ich ihnen den Weg in die dafür vorgesehenen Räume.

Schlagartig dachte ich wieder an meinen Großvater: "Zum Glück ist das bei mir jetzt etwas ganz anderes."

 

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Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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