28. April 2020

Hauptsache es regnet nicht rein!

von Daniele Ludewig 

 

Dieses Haus erfüllt eine seiner Funktionen nicht mehr. / Bild: © shutterstock

 

Bei einem meiner Spaziergänge – für die während der Coronapause viel Zeit war – führt mich eine Strecke durch ein Wohngebiet der gehobenen Kategorie. Hier stehen überwiegend große Häuser mit Garten ringsherum. Letztes Jahr wurde dort gebaut. Ein ziemlich großes Haus sollte es werden, das ließ schon der Rohbau erkennen. Allerdings schwante mir Fürchterliches. Jetzt im Frühjahr war es fertig und bereits bewohnt. Und was ich sah, war leider genauso fürchterlich wie meine Vorahnung: Ein großer Kasten mit ein paar Schlitzen in der Fassade. Sollen wohl Fenster sein. Ansonsten nur riesige Wandflächen in 'shades of grey'.

 

Das soll ein Wohnhaus sein? / Bild: © Daniele Ludewig

 

Meine erste Assoziation bei dem Anblick dieses Ungetüms war Bunker, gefolgt von – ich muß es leider so direkt sagen – Hitlers „Wolfsschanze“. Woraufhin ich mich sofort fragte: „Fällt die „Wolfsschanze“ eigentlich in die Kategorie Architektur?“ 

Der Spaziergang hatte gerade erst begonnen. Ich hatte also Zeit darüber nachzudenken, was ich von diesem Zwitter aus Luftschutzbunker und, wohlwollend ausgedrückt, gestalterischer Nüchternheit halten sollte. Dieser Brutalokasten sah abweisend, unfreundlich und auf unangenehme Weise elitär aus. Entweder haben diese Bewohner Angst vor einem Atomkrieg oder wollen der Welt signalisieren, daß sie mit ihr nichts zu tun haben wollen.  

Definitiv hatte dieser Wohnkasten ein Alleinstellungsmerkmal zwischen all den anderen Häusern. Heutzutage häufig der einzige gestalterische Anspruch an ein neues Gebäude.

 

Ist alles Architektur, was vier Wände und ein Dach hat?

 

Nüchtern betrachtet ist Architektur umbauter Raum mit drei Funktionen: nicht naß werden, nicht frieren und Schutz vor Angreifern. Jede Hütte und jede Höhle, die je ein Neandertaler oder Homo sapiens gebaut hat, dienten diesem Anspruch. Und ist das dann Architektur oder „bloßes Bauen“ von Nutzungsraum? Gemäß der Definition des Begriffes „Architektur“ gehören außer der Funktionalität auch die ästhetische Auseinandersetzung und die künstlerische Gestaltung eines Objektes dazu.

Der römische Architekt Vitruv legte bereits im 1. Jahrhundert vor Christus in seinem Buch De architectura die Regeln des Bauens fest. Demnach soll Architektur ebenfalls drei Ansprüchen gerecht werden, allerdings mit einem Unterschied, der „Schönheit“. Die Prinzipien der vitruvianischen Trias – Festigkeit, Zweckmäßigkeit, Schönheit – sollen „gleichberechtigte“ und unverzichtbare Grundlagen des Bauens sein. Damit steht die Lehre Vitruvs im krassen Gegensatz zu dem zweitausend Jahre später entwickelten Bauhausstil. War am Anfang ab 1919 noch das Handwerk und die Kunst Teil des neuen Architekturstils, entwickelte sich das Bauhaus ab 1928 zum Industriedesign „für jedermann“. Im Vordergrund stand die Funktionalität, die durch die neuen technischen Möglichkeiten jener Zeit und ein sachliches Design bestimmt war. Standardisierte Herstellung von Gebäuden und Wohnaccessoires überwogen gegenüber dem Anspruch an eine ästhetische Form.

 

Wo ist hier Harmonie und Schönheit? – Wohnhaus im Stil der „Moderne“, 1927, Stuttgart „Weißenhofsiedlung“ / Bild: © Dietmar Rauscher/shuttertsock

 

Eine Anekdote zwischendurch: Ausgerechnet der Stararchitekt und Vertreter des Funktionalismus Le Corbusier hat um 1930 ein Wochenendhaus für ein wohlhabendes Ehepaar gebaut. Leider war die Villa Savoye nicht „zweckdienlich“, denn das Dach war undicht. Der Aufforderung des Paares um Behebung der Bauschäden kam Corbusier jahrelang nicht nach. Einer Klage entkam er nur, weil der Zweite Weltkrieg ausbrach. Während meines Architekturstudiums äußerte sich einer der Professoren (ein Fan von Corbu) zu dieser Geschichte mit den Worten: „Es braucht halt besondere Leute, die darin wohnen können.“ – Offensichtlich Leute, die ein feuchtes Wohnklima bevorzugen.

Vor allem die Architektur der Nachkriegsbebauung ab 1950 wurde von den Schülern und Anhängern der „Moderne“ rigoros umgesetzt. Le Corbusier begrüßte den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung, dann „sei Platz für Neues“. Unter dem Motto „Kinder brauchen Luft und Licht“ und eine „moderne Stadt braucht Platz für Autos“ wurden selbst noch erhaltene historische Gebäude abgerissen. Große Straßen, Plattenbauten, Riegelbebauung und trostlose Plätze und Stadträume waren das Ergebnis und sind es noch bis heute. Die meisten dieser „modernen und luftigen“ Wohnviertel sind heute Problembezirke und soziale Brennpunkte.

 

Typische Hochhaussiedlung, die überall stehen könnte: gesichtslose, anonyme Massenarchitektur. / Bild: © shutterstock

 

Architektur ist gebauter Raum, sowohl Innen- als auch Außenraum. Wir leben „in“ ihr und „zwischen“ ihr. Da wo vorher Luft, Wiese oder Wüste war, entsteht durch kreative Gestaltung von Menschenhand gebaute Umwelt. Der Mensch definiert selbst mit Bebauung die Grenze zwischen Innen und Außen, von Raum und Hülle.

Bei dieser Gestaltung des Lebensraums kommt dem Architekten die aktive Position zu, da er sie entwirft und konstruiert. Die passive Position übernehmen hingegen wir alle als Betrachter. Anders als bei Musik, Literatur oder Malerei, derer man sich entziehen kann, wenn man das möchte, ist der Mensch permanent von Architektur umgeben – es sei denn, er lebt als Einsiedler im Wald. Die Krux daran ist, daß dieser von einigen Wenigen gebaute Lebensraum mit seinen Formen, Farben und Materialien auf die Psyche von uns allen einwirkt. Wahrnehmung wird subjektiv verarbeitet. Positiv wie negativ beeinflußt Architektur unsere Stimmung, unser Verhalten und unsere Gesundheit. 

Der Anspruch kann also nicht nur sein: trocken, warm, schützend. Leider werden allerdings in Industrieländern wie Deutschland häufig nur standardisierte Gebäude produziert: sachlich, nüchtern, langweilig. Besondere Ansprüche an Gestaltung und Außenwirkung kommen nur im exklusiven Wohnungsbau oder bei Repräsentativbauten zum Einsatz, wie Theater, Museen, Kliniken oder Regierungsbauten. Da ist Selbstverwirklichung und politische Repräsentanz wichtig und wird zudem gut bezahlt. 

Ein Fehler, denn wir sind öfter Zuhause als im Museum. Die Qualität von Architektur des Wohn- und des öffentlichen Raums sollte in Anbetracht dieser Tatsache besonders hoch sein. Achtsamkeit, Respekt und Führsorge gegenüber Bewohnern und Nutzern sollte Priorität haben.

 

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Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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