20. August 2019

Jeder von uns hat einen inneren Kern. Manche haben Kontakt zu ihm. Andere wiederum wissen nicht einmal, dass sie einen besitzen. Für sie gibt es keinen tief in uns verborgenen Wesenskern. Wenn wir jedoch einen Menschen kennenlernen, sehen wir zunächst nur seine Hülle. Was aber den einen Mensch vielleicht interessanter macht als einen anderen, ist genau dieser innere Kern. Dieses Verborgene kann einen reizen, ohne dass man weiß, warum.

 

Die Frau in Lavendel

 

© shutterstock

 

Auf einem Empfang in einer Galerie lernte Robert einmal eine Frau kennen, deren Name der einer Frucht war und ihm sofort gefiel: „Nectarine“. Das klang so frisch und heiter, zugleich aber spannend. Alle Gäste waren in Abendkleidung und Nectarine sah aus, als würde sie ständig auf solchen Feiern zugegen sein. Sie bewegte sich sehr elegant und kultiviert.

Als sie Robert von seinem Geschäftspartner vorgestellt wurde, bemerkte er als erstes ihren lieblichen Geruch. Sie roch nach Lavendel und Veilchen. Innerlich musste er lachen, denn ihr Kleid war fliederfarben. „Wie perfekt“, dachte er und fragte sich, ob sie sich ihre Garderobe passend zum Parfüm ausgesucht hatte. Ihre Stimme war samtweich und zart. „Hallo, sehr erfreut, Nectarine Deli“, stellte sie sich ihm vor. Beeindruckt von ihrem festen Händedruck, der eigentlich nicht zu ihrer zierlichen Statur passte, stellte auch er sich vor: „Robert Stein, guten Abend“. Sie hatten sofort ein Gesprächsthema über gemeinsame Bekannte und die ausgestellten Gemälde. Ein vertrautes Gefühl stellte sich ein, als würden sie sich bereits kennen.

Als sie gerade darüber philosophierten, wie schwierig es ist auf solchen Stehpartys elegant das Essen aus den kleinen Gläschen herauszufischen, gesellte sich eine Dame zu ihnen, bei der Robert schon länger das Gefühl hatte, dass sie die beiden aus der Ferne beobachtete. Mit einem plumpen „Hallo“ stellte sie sich mit „Mathilde“ vor. Kein Nachname und auch kein Eröffnungssatz, der Freundlichkeit vermuten ließ. Sie war ihm sofort unsympathisch. Allerdings schienen sich Nectarine und Mathilde zu kennen. Der Ton zwischen den beiden war schnippisch und von einer leichten Hassliebe unterlegt. Robert kam gar nicht zu Wort und stand wie ein Statist nur daneben und schaute zu. Diese Mathilde nervte ihn gewaltig. Sie hatte nicht nur seine Unterhaltung mit dieser wundervollen Frau unterbrochen, deren Lavendelgeruch ihn immer noch betörte, sondern riss auch noch das Gespräch an sich. Nectarine war das sichtlich unangenehm. Er wollte sie irgendwie retten.

Mit seiner Zunge machte er ein leises Geräusch, als ob etwas reißen würde und tickte gleichzeitig an Mathildes Kleid. „Oh Gott, das tut mir leid“, sagte er gespielt betroffen, „ich glaube ich bin mit meiner Dessertgabel ganz leicht an ihr Kleid gekommen“. Empört warf Mathilde ihm einen bösen Blick zu und marschierte Richtung Damentoilette. Endlich wieder allein begann er ein Gespräch über Lavendelfelder in Frankreich, was Nectarine zu amüsieren schien. Ihre Augen gaben ihm zu verstehen, dass sie sehr wohl verstanden hatte, dass er gerade ihr Ritter war. Robert musste sich enorm konzentrieren, um keinen Unsinn zu plappern während er in ihre azurblauen Augen schaute. Nectarine brachte ihn ziemlich durcheinander. Irgendwann fiel Roberts Blick auf seine Uhr. Es war mittlerweile halb zwölf. Schon so spät! Diese Frau raubte ihm jedwedes Zeitgefühl. Warum nur beeindruckte sie ihn so? Sie zog ihn regelrecht in ihren Bann.

Die meisten Gäste waren schon gegangen und das Servicepersonal fing allmählich an aufzuräumen. Was sollte er jetzt tun? Er wollte einfach nicht, dass dieser Abend endete. Er wollte weiter mit ihr sprechen und mehr von ihr erfahren. Alles wollte er von ihr wissen. Ihr Innerstes interessierte ihn. Warum sie ist, wie sie ist? Sie konnte zwischen nachdenklichen Bemerkungen bis zu humorvollen Äußerungen hin und her springen ohne dabei etwas Dummes zu sagen. Sie war eloquent, witzig und klug. Und obwohl sie viel redete, langweilte er sich nicht eine Sekunde lang. Irgendwann fiel ihm jedoch auf, dass sie aber im Grunde nichts Persönliches von sich preisgegeben hatte.

Während er ihr weiter fasziniert zuhörte, überlegte er, wie er an ihren inneren Kern kommen könnte. Und wie würde es wohl mit ihr sein ohne andere Menschen um sie herum, in ungezwungener, privater Atmosphäre? Plötzlich ging das große Deckenlicht an und die Servicekraft bat die beiden freundlich, jetzt die leeren Gläser abzugeben. Nectarine lächelte Robert an: „Ich glaube wir sollten jetzt gehen, sonst kehren die uns hier unsanft raus.“ Er nahm ihr ihr Glas ab und stellte ihre Gläser auf einen der Stehtische. Auf dem Weg nach draußen war ihm klar, dass er jetzt sofort handeln musste oder er sah sie vielleicht nie wieder.

Just in diesem Moment ertönte eine männliche Stimme energisch durch den Raum: „Nectarine, ich stehe draußen im Halteverbot, vielleicht kannst du dich mal ein bisschen beeilen“. Leicht genervt rief sie zurück: „Ich komme ja“. Dann drehte sie sich zu Robert um und lächelte ihn an: „Entschuldigen Sie bitte den Ton meines Mannes. ... Das war ein sehr schöner Abend heute, vielen Dank.“

Außer ein, „Das fand ich auch“, bekam Robert nichts heraus. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals. War er so hoffnungslos hingerissen von ihr, dass er den Ehering nicht gesehen hatte? Nicht einmal der Gedanke, danach zu schauen oder danach zu fragen, ob sie verheiratet sei, kam Robert während des gesamten Abends in den Sinn. Und wo war denn eigentlich ihr Mann die ganze Zeit?

Robert fühlte sich wie ein Narr. Wie konnte er nur annehmen, dass diese wundervolle Frau nicht liiert sei. Bedrückt verließ er die Galerie.

Daniele Ludewig

 

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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