10. Januar 2020

Was gibt’s zum Nachtisch?

Zu abendlicher Stunde sitzt Familie Lehmann beim Weihnachtsessen im festlich geschmückten Esszimmer. Die beiden erwachsenen Kinder sind wie jedes Jahr an Heiligabend zu Besuch aus der Stadt gekommen. Mutter Hilde kommt aus der Küche und trägt ein Tablett herein, auf dem sich eine Sauciere und eine Schüssel mit Klößen befinden. Achtsam stellt sie beides auf dem großen runden Tisch ab, auf dem bereits Rotkohl und Maronen stehen. In der Mitte liegt eine goldgelb gebratene Ente auf einer großen Servierplatte.

 

© shutterstock

 

Tochter Charlotte lässt ihren Blick über den Tisch schweifen: „Mensch Mutti, das sieht ja alles wieder toll aus.“

„Rüdiger“, spricht Hilde ihren Mann an, „walte deines Amtes als Familienoberhaupt und zerteile bitte die Ente“, dann setzt sie sich. Nebenbei ermahnt sie ihren Sohn mit sanfter Stimme: „Und Johannes, du legst jetzt bitte mal das Handy weg! Du weißt, ich mag das nicht bei Tisch.“

Mit gespieltem Stolz und einem Lächeln erhebt sich Rüdiger und lehnt sich über den Tisch. Mit Tranchiergabel und Filetiermesser zerteilt er gekonnt das Fleisch: „Wer will Brust, wer Keule?“, fragt er in die Runde.

Stille. Geklapper mit Besteck und Geschirr. Alle kauen und genießen das Essen.

Nach einer Weile wirft Mutter Hilde einen kritischen Blick auf Charlottes Haare: „Du hast eine neue Frisur?!“

Charlotte: „Respekt Mutti, hast bis zum Hauptgang durchgehalten. Ich dachte da kommt schon was während der Suppe.“

Mutter: „Du hattest doch noch nie ein Pony.“

Charlotte: „Ich hatte mal Lust auf was Neues.“

Mutter: „Trägt man das jetzt so?“

Charlotte leicht genervt: „Weiß ich nicht, ob man das jetzt so trägt. Zumindest trage ich es jetzt so!“

Mutter: „Es steht dir halt nicht. Es erdrückt dein Gesicht.“

Vater: „Hilde, lass sie doch. Ist ja schließlich ihr Gesicht.“

Charlotte: „Danke Papa.“

Mutter: „Ich meine ja nur, es ist unvorteilhaft.“

Charlotte forsch: „Es ist nur ein Pony. Sei doch froh, dass die Haare nicht pink sind.“

Bruder Johannes versucht seiner Schwester mit einer belanglosen Frage daraus zu helfen: „Charlotte, könntest du mir bitte mal die Soße geben?“

Charlotte reicht ihm die Sauciere. Entspannt gießt Johannes die Soße über seinen Kloß.

Stille. Geklapper von Geschirr und Besteck.

Vater: „Sag mal Johannes, warum ist eigentlich Luise nicht mitgekommen?“

Johannes: „Naja, ... also weil ... weil wir nicht mehr zusammen sind.“

Mutter entsetzt: „Wieso denn das?“

Vater: „Also wiedermal nur ein kurzes Intermezzo.“

Johannes: „Hat irgendwie nicht so richtig gepasst.“

Diesmal versucht Charlotte ihrem Bruder zu helfen: „Kann mir mal jemand das Salz geben?“

Vater: „Eure Generation wirft immer alles gleich hin, wenn’s mal bissl schwierig wird.“

Der Mutter fällt auf, wie viel ihre Tochter nachsalzt: „Charlotte, du verwürzt ja das Essen.“

Charlotte: „Quatsch, du bist immer zu sparsam mit dem Salz. Die Soße kann ruhig noch was vertragen.“

Johannes: „Stimmt, gib’ mal rüber.“

Mutter: „Nächstes Jahr könnt ihr ja mal für uns kochen. – Da seh’ ich allerdings schwarz, ihr könnt ja nur Fertiggerichte in den Ofen schieben. – Also Luise, die konnte kochen. – Wer hat denn nun eigentlich Schluss gemacht?“

Johannes: „Können wir lieber wieder über Lottis Pony reden?“

Charlotte verschmitzt: „Vergiss es! Beziehungsaus schlägt Ponydiskussion.“

Stille. Geklapper von Geschirr und Besteck.

Mutter: „Mein Gott, jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“

Johannes: „Sie hat das Babythema angefangen.“

Vater: „Wie lange wart ihr denn zusammen? Ein halbes Jahr?“

Johannes: „Zehn Monate.“

Mutter: „Naja, sie ist Anfang dreißig, da sollte sich eine Frau darüber Gedanken machen.“

Johannes: „War ja klar, dass du auf ihrer Seite bist.“

Mutter: „Ja, ich mochte sie. Sie ist eine sehr patente und charmante junge Frau. Schade!

Vater: „Jedes Mal, wenn wir uns an jemanden gewöhnt haben, ist es schon wieder vorbei.“

Mutter legt nach: „Hat überhaupt nochmal einer von euch die Absicht, uns Enkelkinder zu schenken?“

Johannes schiebt sich ein großes Stück Ente in den Mund und schielt rüber zu seiner Schwester.

Charlotte energisch: „Also Mutti, das musst du schon uns überlassen.“

Mutter: „Bei dir tickt auch die biologische Uhr, meine Liebe.“

Charlotte: „Ja dann lass sie ticken, solange keine Bombe dran hängt, die explodieren kann, soll’s mir egal sein.“

Mutter: „Herr je, sind wir heute aber wieder schnippisch.“

Johannes: „Schön so ein harmonisches Weihnachtsessen mit der Familie.“

Charlotte: „Was gibt’s eigentlich zum Nachtisch?“

Vater: „Schnaps! Nach der fetten Ente, drückenden Ponys und nichtvorhandenen Enkeln können wir jetzt alle einen Kurzen vertragen.“

 

- Na dann, bis nächstes Jahr. -

Über Belle Sophie

Auf Belle Sophie geht es um Ästhetik.
Sie umgibt uns und begegnet uns jeden Tag in verschiedenster Form. Nicht immer ist das Empfinden für Ästhetik dasselbe. Meinungen gibt es unzählige. Auf Belle Sophie wird eine dieser Meinungen vermittelt.

Aus Liebe zum "ß", weil es einfacher schöner aussieht, taucht es in den Texten ab Oktober 2018 wieder auf. 


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